Mittwoch, 19. August 2009

Wohnungssuche und andere Unglaublichkeiten

18. August 2009

Der Tag begann gemächlich - allerdings nur, weil ich vergessen hatte, den Alarm des Weckers einzustellen. Erste Erinnerung des Tages: Eine handgroße, fette Spinne wollte gerade zu einer philosophischen Rede ansetzen, die ihren Aufenthalt in meinem Keller rechtfertigte, als Chris mich wachrüttelt. Ich werde nie erfahren, was sie gesagt hätte...
Ungünstig an der morgendlichen Verspätung (es ist kurz nach 9 Uhr): Um 10.45 Uhr bin ich mit meiner Kollegin Sally verabredet. Ich möchte bei ihrem Sommer-Nachhilfeunterricht hospitieren, um ein Gefühl für den Unterricht in Ägypten - und vor allem für die ägyptischen Kinder zu entwickeln. Eine Unbekannte, vor der ich immer noch großen Respekt habe. Um 10.25 Uhr sind wir endlich an der Rezeption, geduscht - und gut gefönt (good to know: Mit nassem Haar auf die Straße geht in Ägypten gar nicht. Denn wenn frau sich mit feuchtem Haupt nach draußen wagt, will sie nur eines: angeben, dass sie gerade Sex hatte. Zumindest wenn man den Behauptungen der Autorin von Brunns (1) glaubt.). Zwar haben wir noch kein Frühstück im Bauch, sind aber dennoch optimistisch. Heute werden wir endlich unsere neue Wohnung sehen! Ich bin überzeugt, dass sie großartig sein wird. Jetzt heißt es vor allem: Nicht zu spät kommen! Wir sind zwar etwas hinter dem Zeitplan, aber das ist noch kein Grund zur Beunruhigung, da wir nur circa 20 Minuten von unserem Ziel entfernt sind. Weil uns aber die Erfahrung des letzten Alexandria-Besuchs gelehrt hat, dass kein Taxifahrer die Future School oder die Straße, in der sie sich befindet, kennt, möchte ich vorab an der Rezeption klären, wieviel man für die Fahrt ungefähr bezahlen muss. Vielleicht kann die Dame, die sich gleich hilfsbereit über die Karte beugt, dem Fahrer sogar in seiner Muttersprache erklären, wie er zu fahren habe. Chris hatte mich am Morgen schon vorgewarnt: Wenn man einem ägyptischen Taxifahrer einen Stadtplan zeigt, dann ist es so, als würde man ihm ein kompliziertes Schnittmuster für ein exzentrisches Kleid zeigen. Kurz: Er kann damit überhaupt nichts anfangen. Gefühlte Stunden später und mit Unterstützung eines Sicherheitsbeamten kommt die Rezeptionistin endlich zu einem Urteil. Die Karte, die wir ihr gezeigt haben, ist eine Karte von ganz Ägypten. Und der Montazah Park, der sei zwar in Alexandria - aber die Straße, die wir suchten, die sei in Kairo. Ich schaue sie fassungslos an. Die Tatsache, dass der Park auf der Karte nur circa eine Daumenlänge von der gesuchten Straße entfernt ist und dass Kairo gar nicht am Meer liegt, scheint sie nicht einmal zu irritieren. Als ich ihr sage, dass wir vor zwei Monaten schon einmal hier waren und die Al Nabawy Al Mohandes Street definitiv in Alexandria sei, schaut sie mich skeptisch an. Immerhin gibt sie zu, dass die Taxifahrt zum Montazah Park nur knappe 20 Minuten dauert.
Wir finden einen Fahrer, der bereit ist, uns für 25 LE (wie sich später herausstellen sollte, wären laut Sally 10 LE mehr als genug gewesen) in die Nähe des Parks zu fahren. Ich rufe zur Sicherheit Sally an, damit sie ihm den Weg erklärt. Wir verfahren uns trotzdem. Mit nur zehn Minuten Verspätung kommen wir an der Schule an. Ich bin erleichtert, dass wir noch einigermaßen pünktlich sind, habe aber ein schlechtes Gewissen, weil es einen schlechten Eindruck macht, zu spät zu kommen. Es stellt sich jedoch heraus: Sally ist auch noch nicht da! Als ich sie anrufe, teilt sie mir mit einem gottergebenen „Wir sind in Ägypten!“ mit, dass man sie in ihrer Garage eingeschlossen habe. Wir warten also geduldig auf ihre Ankunft. Und unternehmen während der Wartezeit Phantasiereisen durch unsere neue tolle Wohnung. Then along comes Sally. Sie begrüßt uns herzlich, weist uns darauf hin, dass wir ja noch überhaupt keine Farbe hätten (eine Aussage, die wir beide nicht verstehen können, da wir doch schon eine gewisse Bräune haben) - und sagt uns, dass sie uns sofort einen der Schulfahrer organisieren wird, der uns zur Wohnung bringt. Ehe sie verschwindet gibt sie uns noch einen wichtigen Tipp: Sollte uns die Wohnung gefallen, dürfen wir uns das keinesfalls anmerken lassen! Und auf jeden Fall muss gehandelt werden! Ich wappne mich schon innerlich, denn alle meine Emotionen stehen mir immer direkt ins Gesicht geschrieben.
Der Sicherheitsmann betritt den Warteraum und bittet uns zum Auto: Der Fahrer stehe schon abfahrtbereit vor der Tür. Wir steigen eilig ein. Minuten später ein Anruf. Ich verstehe niemanden und lege wieder auf. Erneuter Anruf: Es ist Sally. Sie fragt, wo wir denn wären. Ich antworte ihr, dass wir bereits unterwegs seien. Sie: "Der Fahrer hat euch mitgenommen ohne überhaupt zu wissen, wo es hingeht." Weil sie uns nicht hatte finden können, hat sie sich Sorgen gemacht, dass etwas passiert sei. Wir können nicht anders und lachen, geben das Handy dem Fahrer, der nun auch die Adresse weiß, zu der er uns fahren soll.
Das Hochhaus, an dem wir ankommen, macht von außen nicht sehr viel her. Aber ich will mir durch Vorurteile meine Vorfreude nicht verderben lassen. Bestimmt sieht es von innen viel besser aus. Es ist schließlich Ägypten! Meine Erwartungen an die Innenausstattung beginnen irrationaler Weise zu steigen. Der Sicherheitsbeamte, der uns die Wohnung zeigen soll, spricht leider kein Englisch. Mit unseren arabischen Begrüßungsfloskeln kommen wir bedauerlicher Weise auch nicht weiter. Ein Gespräch erübrigt sich also - und wir fahren freundlich lächelnd in einem etwas beengten Aufzug in den 13. Stock. Der Flur ist in gnädige Düsternis geworfen. Eine Tür steht offen. Als wir die Wohnung betreten, wird mein Gesicht wie vereinbart zur ausdruckslosen Maske. Die jedoch mit jedem Schritt bröckelt, letztlich in sich zusammenfällt und mein Entsetzen über jedes einzelne Zimmer zeigt. Die Freude darüber, dass alles möbliert sein würde, wir eine Küche, eine Waschmaschine sogar eine große Terrasse haben würden, schwindet, als ich die nachkriegszeitlichen Zustände sehe. Der Kühlschrank stammt noch aus Dunkelzeiten, als Schränke das Kühlen lernten (und er wurde seitdem nur sporadisch gepflegt). Der Kleiderschrank ist ein verdreckter Bretterverschlag. Die Toilette sehe ich nur mit einem Auge an, nachdem das andere, das das Elend bereits erblickte, dem Gehirn die Nachricht gesendet hat, dass es besser sei nicht genauer hinzuschauen. Die Küche ist ein finsteres Loch mit schmierigen Geräten. Jedes einzelne Bild, jeder Spiegel hat einen Sprung. Der Teppich ist ein abgewetztes besseres Laken. Die Möbel haben einen gewollten aber nicht gekonnten, sehr gewöhnungsbedürftigen, vermeintlich prunkvollen „Kolonialstil“. Formen und Farben erregen sofortigen Widerwillen. Dass das gesamte Apartment selbst durch die dringend notwendige Grundreinigung nur sauberer aber nicht schöner würde, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Positiv ist der Ausblick von der Terrasse. Man sieht das Meer und den Montazah Park - man will den Blick gar nicht mehr abwenden, um dem Grauen in der Wohnung zu entgehen. Darüber hinaus gibt es auch eine Klimaanlage (eine Expat-Weisheit, die wir wussten, ohne dass man sie uns mitgeteilt hat: Ohne Klimaanlage keine Miete!) sowie eine zweite Toilette. Aber dafür 2.500 LE bezahlen? Das scheint uns völlig überteuert. Wir sagen dem vermeintlichen Vermieter, dass wir es uns überlegen - und suchen so schnell es der Anstand erlaubt das Weite. Eins ist sicher: Dort ziehen wir nicht ein!
Auf der Suche nach Essen quälen uns erste existenzielle Frage: Was, wenn diese Wohnung schon das Beste war, das für unser Budget zu haben ist? Und was, wenn alle hier so leben und wir verwöhnten Europäer darüber auch noch die Nase rümpfen. Selbstzweifel und Existenzängste plagen uns - bis wir bei einem leckeren mexikanischen Mittagessen im Chilis wieder neuen Optimismus schöpfen und beschließen, online nachzuschauen, was der Wohnungsmarkt in Alexandria sonst noch so zu bieten hat.
Ein paar Stunden später - nachdem wir noch neues Wasser, ein Käppchen für Chris und einen zweiten Internet-Stick bei etisalat gekauft haben - kommen wir völlig erschöpft im Hotel an. Den Rest des Nachmittags verbringe ich schlafend, während Chris im Netz tatsächlich einige bessere und ebenso erschwingliche Unterkünfte findet. Obwohl es nur Bilder sind, kehrt die Hoffnung zu uns zurück. Ich beschließe erst einmal zu einer weiteren Kollegin (Andrea, die Sallys beste Freundin ist) zu ziehen, wenn sie mich aufnimmt. Ihr Apartment ist im Horrorhaus, nur eine Etage tiefer als die, die wir besichtigt haben - aber ich nehme mal stark an, dass das Aussehen der Apartments auch innerhalb eines Hauses stark schwankt. Und dann werden wir in aller Ruhe ein Zuhause finden, in dem man es ein Jahr ohne permanente Fluchtgedanken aushalten kann. Das Gute am heutigen Tag: Das Zimmer im Mercure hat neuen Charme gewonnen und wir sind heute ganz glücklich hier. So schnell ändern sich Ansichten. Dennoch haben wir uns für nächste Woche ins Sheraton Montazah Park eingebucht.

Quellen:
(1) von Brunn, Reinhild. 2007. Reisegast in Ägypten. Buch & Welt GmbH, München und Iwanowskis Reisebuchverlag, Dormagen.

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