Hallo ihr Lieben,
weil ein Geburtstag so ganz ohne euch doch recht betrüblich ist, schicke ich euch virtuell eine "Vermiss-euch"-Nachricht. Am schönsten wäre mein Geburtstag natürlich gewesen, wenn ich euch alle dabei gehabt hätte. Aber da das nicht ging, musste ich meinen Schmerz mit Luxus betäuben - bei einem erstklassigen Essen bei San Stefano's im Four Seasons bin ich ganz allein älter geworden. Okay, nicht ganz allein, denn Chris hat mit mir angestoßen. Dennoch: Ein Essen zu zweit ist kein wirklicher Ersatz für eine ordentliche Party. Deshalb wir die wird natürlich nachgeholt - spätestens zum 33. :-)
Eure Drea
Mittwoch, 30. September 2009
Mittwoch, 23. September 2009
iWitness
Es war nur eine Frage der Zeit - jetzt ist es soweit: Ich habe mein erstes Unfallopfer gesehen. Ein Junge wurde an der Corniche angefahren.
Den Unfall selbst habe ich nicht mitbekommen. Nur das plötzlich ausbrechende Gebrüll. Dann ein Mob von Menschen, der panisch zur Straße lief und wie ein Mann schrie.
Das Makabere an der Sache: Von erster Hilfe scheint hier noch niemand was gehört zu haben. Anstatt das Kind, dem das Blut aus dem Kopf quoll, notzuversorgen und einen Krankenwagen zu rufen, wurde es direkt von der Straße gezerrt. Der vermeintliche Vater des Kindes lief hektisch erst die Straße hoch (gefolgt vom Mob) und dann wieder die Straße runter (gefolgt vom Mob). Danach habe ich den Sichtkontakt verloren. Man kann nur hoffen, dass sie in ein Auto gestiegen und ins nächste Krankenhaus gefahren sind.
Was ich am Seltsamsten finde: Von all den Frauen, die in der Nähe standen, hatten alle Kopftücher an. Aber keine kam auf die Idee ihr Tuch abzunehmen, um den Blutfluss zu stillen.
Den Unfall selbst habe ich nicht mitbekommen. Nur das plötzlich ausbrechende Gebrüll. Dann ein Mob von Menschen, der panisch zur Straße lief und wie ein Mann schrie.
Das Makabere an der Sache: Von erster Hilfe scheint hier noch niemand was gehört zu haben. Anstatt das Kind, dem das Blut aus dem Kopf quoll, notzuversorgen und einen Krankenwagen zu rufen, wurde es direkt von der Straße gezerrt. Der vermeintliche Vater des Kindes lief hektisch erst die Straße hoch (gefolgt vom Mob) und dann wieder die Straße runter (gefolgt vom Mob). Danach habe ich den Sichtkontakt verloren. Man kann nur hoffen, dass sie in ein Auto gestiegen und ins nächste Krankenhaus gefahren sind.
Was ich am Seltsamsten finde: Von all den Frauen, die in der Nähe standen, hatten alle Kopftücher an. Aber keine kam auf die Idee ihr Tuch abzunehmen, um den Blutfluss zu stillen.
Samstag, 19. September 2009
Merkwürdige Beobachtungen
Wenn man sich in Alexandria bewegt und Einheimischen begegnet, fällt einem Vieles ins Auge. Die Frauen - mal bis zur Unkenntlichkeit verschleiert (Vollverschleierungen habe ich bisher nur in den Farben Schwarz und Braun gesehen), mal modisch gekleidet in Islamic Chic (Kopftuch perfekt auf die Kleidung abgestimmt), mal mit offenem Haar. Die Kinder, die meist ganz „europäisch“ gekleidet sind. Hin und wieder begegnet man aber auch kleinen Ausgaben der Erwachsenenversion: Mädchen mit Schleier und Jungen, die ein kuttenartiges Gewandt und Käppi tragen.
Und obwohl jeder zustimmen würde, dass die Frauen hier durchschnittlich sehr viel sehenswerter als die Männer sind, so sind es doch die ägyptischen Männer, auf die ich am häufigsten neugierig starre. Der Grund ist vor allem das Mal auf der Stirn, das man hier bei vielen sieht. Bei manchen ist es nur ein etwas dunklerer brauner Fleck etwas unter dem Haaransatz. Bei anderen dagegen steht eine vernarbte, dicke Beule hervor. Das Mal kommt vom häufigen Beten. Viele muslimische Männer tragen diesen „zebiba“ (Rosine) genannten Fleck deshalb mit Stolz, weil er zeigt, wie gläubig sie sind und wie eifrig sie beten. Aber ich mache mir so meine Gedanken darüber:
- Bei manchen sieht das Zeichen so wüst aus, dass ich inzwischen den Verdacht hege, diese Männer klopfen sich absichtlich den Kopf am Boden auf. Anders könnte es niemals derartige Ausmaße annehmen.
- Warum sieht man das Mal bei Frauen so selten? Okay, es könnte sein, dass all die Frauen mit Totalverschleierung unter ihren Tüchern ebenso wie die Männer aussehen. Genaues weiß man da nicht.
- Angeblich erkennt man - wie Sally uns sagte - die extremeren (also streng gläubigen) Moslems an ihrem Aussehen. Mit Vorsicht zu genießen seien die Bärtigen (dabei hat uns schon zweimal ein Bärtiger geholfen, also fremden- oder christenfeindlich sind sie nicht unbedingt). Und schlimmer noch als die Bärtigen seien die ganz traditionell gekleideten Männer (die meist auch eine vermummte Frau im Schlepptau haben): Bart, Käppi, einfache Kutte, darunter eine 3/4-lange Hose und Sandalen. Jetzt aber zwei merkwürdige Beobachtungen: Im Fathalla (dem Supermarkt, der im gleichen Hochhaus ist, in dem Andrea wohnt) sind mir schon mehrmals Männer begegnet, die sehr europäisch aussahen, aber in traditioneller Tracht rumliefen. Ich frage mich, ob eventuell Ägypten ein Land ist, in dem Neu-Konvertierte ihren Islamic-Traum leben. Und mir kommt es seltsam vor, dass diese Traditionalisten fast nie diejenigen sind, die das Gebetsmal auf der Stirn haben. Wenn sie aber durch ihre Kleidung deutlich machen wollen, dass sie sehr konservativ und streng gläubig sind, müssten sie dann nicht erst recht die Male tragen? Oder gibt es einen Grund dafür, dass sie keine bleibenden Zeichen in ihrem Gesicht tragen möchten? Sehr suspekt das Ganze, wenn man drüber genauer nachdenkt. Falls Kommentare kommen: Ich habe hier niemanden einen Sleeper genannt!
Meet the Monster!
14. September 2009
Heute Morgen hatte ich die erste unangenehme Begegnung mit dem Großwild unter den Sechsbeinern: einer gemeinen Küchenschabe - in der ägyptischen XXL-Version. Natürlich kann man so ein Monster nicht mit einem Schuh erledigen. Nicht nur, weil eine Schabe bestimmt nicht so leicht stirbt. Die Kakerlaken tragen auch ihre Eier unter ihrem Panzer. Also ist es der erste Schritt zu einer Invasion, das Tier totzuklatschen. Deswegen hab ich es gemacht, wie ich es auch mit meinen achtbeinigen Freunden zu tun pflege: Ich habe kurzerhand ein Glas über das Tier gestülpt. Da die braunen Biester sehr flott zu Fuß sind, wäre mir Miss Monster fast entwischt. Aber ich war dann doch ein wenig schneller. Nach dem Schnappschuss habe ich sie - mit ein bis acht Stunden Verspätung - den Balkon runtergeworfen. Man sagte mir, Kakerlaken könnten fliegen. Ich hoffe, das stimmt...
Sonntag, 13. September 2009
I‘m not that thumb! - Über den Triumphzug der Technik bei Pharaos
Zuerst einmal eine Anmerkung zum vorherigen Blog-Eintrag: Die Visa-Geschichte ist einwandfrei gelaufen. Wer also ein muliple entry-Visum braucht, kann ruhigen Gewissens wie beschrieben vorgehen.
Heute wurde ich übrigens mit dem neuesten Brüller im ach so technikverliebten Ägypten konfrontiert. Dazu eine kleine Vorgeschichte: In meiner ersten Woche als Lehrerin-Wannabe wurde eine große Sitzung mit allen Eltern und Lehrern der FLS anberaumt - zu der auch Barbara und ich gingen (zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass das Meeting komplett in Arabisch laufen und wir nur ein Zehntel des Gesagten von Sally übersetzt bekommen würden). Dort wurde der aufgeregten Erzeugergeneration stolz die neue Schul-Homepage präsentiert. Ganz nett gestaltet, animiert und mit viel Log-in. Lehrer, Schüler, Eltern - alle sollten jetzt einen eigenen Zugang zur Homepage bekommen und im System Wissenswertes nachlesen können wie: War mein Kind in der Schule? Ist es krank geworden, und wenn ja: Welche Medikamente hat ihm die Schulkrankenschwester verabreicht? Welche Hausaufgaben mein Kleiner heute auf? Und wie steht‘s überhaupt um die Noten unserer Süßen? Man brauchte kein Arabisch zu verstehen, um zu erahnen, dass die Nutzbarmachung dieses großartigen Stücks Technik ein noch großartigerer Verwaltungsakt für jeden einzelnen Lehrer sein würde. Kurz: Mehrarbeit.
Heute nun wurde uns - wieder auf Arabisch, wieder bruchstückhaft von Sally übersetzt - der genaue Umfang dieser Mehrarbeit auseinandergesetzt. Das Meiste war selbsterklärend: Die Monatsnoten sowie die Hausaufgaben und Prüfungstermine würden fortan von den Lehrkräften eingepflegt werden müssen. Die Eintragung der Anwesenheitszeiten jedes einzelnen Schülers - darauf dürfen sich nun täglich die Fluraufsichten freuen. Als nette Extras kann jeder zukünftig Mails verschicken (und natürlich auch erhalten, was bedeutet, man muss Korrespondenz führen). Und man hat ein Profil, das man ausfüllen kann - mit allen persönlichen Daten einschließlich Blutgruppe! Außerdem wird man in nicht allzu ferner Zukunft (also ab Schulbeginn) nachschauen können, wie genau sich das eigene Monatsgehalt zusammensetzt. Dieses berechnet sich natürlich aus An- und Abwesenheitszeiten. Und auch hier sei man in der Zukunft angekommen. Die alte Methode - sich morgens in eine Liste eintragen und sich nachmittags wieder austragen - gehöre schon bald (also ab Schulbeginn) der Vergangenheit an. Der Fortschritt habe nun auch unsere Schule erreicht. Was andere schon längst machen, ein lang gehegter Traum - zumindest des Technikbeauftragten, man konnte es förmlich seinen strahlenden, verträumt ins Weite blickenden Augen ablesen - würde nun auch endlich, endlich bei uns wahr werden: Per Fingerabdruck würde man sich nun in der future school - die dann ihrem Namen alle Ehre machen würde - an- und abmelden. Dank der Konditionierung meines Egypt-Husbands Chris reagiere ich auf bestimmte Schlüsselwörter ganz ähnlich wie der pawlowsche Hund. Beinahe von selbst erhob sich meine Hand und ich stellte vor den verklärt dreinschauenden Ägyptern, die entweder Criminal Minds nicht kennen oder völlig naiv sind, provokativ in den Raum, dass ich dieses Vorgehen für „highly risky“ hielte. Wie es denn um Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz unserer Daten bestellt sei? Ich gipfelte mit der revoluzer-Aussage: Ich möchte meine Fingerabdrücke nicht abgeben! Dafür erntete ich nicht etwa zustimmendes Gemurmel oder gar tosenden Applaus. Völliges Unverständnis schwappte mir entgegen - nicht nur vom Technikbeauftragten, auch von meinen Kolleginnen, die mich wohl zukünftig nur noch the P.G. ("the paranoid German") nennen werden. Aber das ist mir egal. Ich gebe gerne alles und - wie mehrere unabhängige Quellen bestätigen werden - auch sehr freizügig her: meinen Namen, meine Bankverbindung. Aber bei biometrischen Informationen, die an irgendwelchen Tatorten wie durch Zauberhand auftauchen könnten - und das in einem Land, wo man für weniger als einen Fingerabdruck an einem Tatort sein Leben lang im Knast sitzen kann - da hört es auch bei mir auf.
Nachdem ich mehrfach betont hatte, dass ich nicht gewillt sei, meine Fingerabdrücke herzugeben, wurden wir an unseren Chef Mr. Nabil verwiesen, mit dem wir absprechen sollten, ob wir nicht auch per Karte ein- und ausstechen könnten. Ich war beruhigt und überließ Barbara das Wort, die nachfragte, ob es im neuen System auch einen „fictional classroom“ geben würde (Sie meinte einen „virtual classroom“ - aber da sie die Frage stellte, als der Technikbeauftragte uns gerade erklären wollte, wie wir die Hausaufgaben ins System einpflegen sollten, hätte auch die Verwendung der korrekten Vokabel wenig genutzt. Er blickte in unsere Richtung als hätten wir Deutsche sie nicht alle, während ich Barbara diskret zum Schweigen brachte.)
Dienstag, 8. September 2009
Passgeschichten
Einfach zum Passamt gehen und ein Visum bekommen? Richtig. Da fehlt ein „zu“ - denn wie überall auf der Welt möchten es einem die Ämter und Beamten in Ägypten nicht "zu einfach" machen, im Land zu bleiben. Erst einmal dauerte es eine ägyptische Viertelstunde (also ungefähr eine Woche), bis überhaupt jemand von der Schule mit uns zum departement of immigration gehen konnte. Osman - unser vermeintlicher Begleiter - wurde uns mehrfach angekündigt und kam doch nie. Bis vorgestern. Da stand er plötzlich nach Arbeitsschluss an Sallys Auto, um uns zu sagen, dass es Dienstag losginge. Etwas verwirrt, warum wir nicht mit den anderen Deutschen aus der Nachbarschule fahren würden, war ich schon. Gott sei Dank konnte mich Andrea vorab ausführlich briefen. Denn unsere Vorgängergruppe, die gestern schon beim Passamt war, hatte direkt Probleme - und mussten deshalb mehr als zwei Stunden in der Behörde verbringen. Eine der Lehrerinnen hatte im Februar nur eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen - aber kein muliple entry-Visum. Das wusste sie jedoch erst, als sie am Schalter stand und einen Anschiss bekam, warum sie - ohne sich abzumelden - das Land verlassen habe. Weil Ahnungslosigkeit vor Strafe noch nie geschützt hat, musste sie 150 L.E. Strafe bezahlen.
Andrea hat mir also heute Morgen nochmal eingebläut: „Verlange das multiple entry-Visum. Du musst zwei Formulare ausfüllen und zweimal bezahlen. Gehe nicht weg, bevor du das gemacht hast.“
Unser Begleiter war dann nicht - wie versprochen - Osman, sondern Mohammed, dem man am Gesicht ablesen konnte, dass er keine Ahnung von nichts hat. Das Gute war, dass er zusätzlich unsere Sprache nicht sprach. Und das Beste: Englisch konnte er auch nicht. Nett war er - aber mit Nettigkeit kommt man in Ämtern nicht weiter. Ich ahnte schon, dass der gute Mohammed die Ereignisse des Vortages nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert hatte - und schnappte mir kurzerhand vor der Abfahrt Osman, dem ich nochmal „mulitple entry-Visum“ ins Gehirn hämmerte. Während er diese Message an Mohammed auf Arabisch weitergab, blieb ich sicherheitshalber neben ihm stehen. Nur um mit eigenen Ohren zu hören, dass die Botschaft unseren Begleiter auch erreichte. Dessen Kurzzeitgedächtnis ist - wie sich herausstellte - leider auch nicht das beste. Am Schalter der Behörde hatte er den Sonderauftrag schon wieder vergessen - und seinem leeren Blick entnahm ich, das ihm auch das Wort „multiple entry-Visum“ nichts sagte.
Aber egal. Nachdem ich den ersten Antrag ausgefüllt hatte (mein Passbild wurde schön aufgeklebt), meinen Begleitern Barbara & Serge brav alle Weisheiten von Andrea weitergegeben hatte (bei Religion immer „Christ“ angeben, bei Grund des Aufenthalts immer „Tourist“) und wir diesen abgegeben hatten, ließ ich mich nicht beirren: Ich forderte den zweiten Antrag und wiederholte stur in jedes Schalterloch „multiple entry-Visum“. Endlich schien einer von unserer Hartnäckigkeit genervt genug, um drei Formulare aus seiner Zelle zu reichen. Die waren jedoch nur für eine einmalige Ein- und Ausreise. Wieder kam mir Andreas 3-jährige Erfahrung zugute. Ich schrieb einfach in jede Lücke, die irgendetwas mit Ausreise zu tun hatte, „mulitple entry“. Den Pass bekommen wir morgen. Dann werden wir sehen, ob alles geklappt hat - und falls ja, dann ist dieser blog-Eintrag „good advice“.
Auf dem Passamt machte ich mit einer Gruppe indonesischer Männer Bekanntschaft, die mir einen Sitzplatz anboten (obwohl wir bestimmt weniger lange zu warten hatten, als diese armen Jungs). Youn (oder so ähnlich) kam aus Sumatra und wollte für fünf Monate in einer Fabrik arbeiten. Selbst von den wunderbarsten Inselparadiesen aus kann einen scheinbar die „schöne neue Welt“ locken.
Nach nur gut einer Stunde war schon alles erledigt. Heute war überhaupt ein guter Tag: Mit der Unterrichtsvorbereitung klappte es ebenfalls wie am Schnürchen. Ich habe bereits drei Unterrichtseinheiten geplant. Schwieriger wird es bei der Materialerstellung, denn für all meine Pläne finde ich kaum Bildmaterial. Für hilfreiche Tipps aus den Lehrerriegen wäre ich übrigens sehr dankbar. :-)
Dienstag, 1. September 2009
In den Straßen - der Müll von tausend Jahren
Langsam wird mir klar, warum Ägypterinnen oft Plateau-Absätze tragen. Nicht, weil sie klein sind - sondern, weil es sonst unmöglich ist, mit sauberen Füßen von einem Ort zum anderen zu kommen. Ich habe schon einen Lufa-Schwamm ruiniert, weil ich mir unter der Dusche meine Füße gewaschen habe. Dreck im Lufa-Schwamm lässt sich übrigens ganz schwer wieder auswaschen. *g*
Besonders gegen Abend ist das Schmutzproblem für Europäer sehr gewöhnungsbedürftig. Denn immer morgens wird der Müll abgeholt. In Eselskarren fährt Mann - in Cairo nennt man diese Leute (1) Zabalin (von zibala = Müll) - durch die Straßen, fegt Unrat zusammen und transportiert ihn ab. Und im Verlauf des Tages tun die Anwohner alles, damit sich diese Arbeit auch lohnt. Da aber abends die Leute ausgehen und saubere Bürgersteige haben möchten, wird der Dreck kräftig mit Wasser in die Gosse geschwemmt - und hier bilden sich Schlammlachen von beeindruckenden Ausmaßen und nicht weniger beeindruckenden Gerüchen. Man muss aber nicht unbedingt in einer verdreckten Straße sein, um seinen Teil von der „Kack-o-phonie“ mitzubekommen. Es kann schon passieren, dass einem der böige Meerwind eine müffelige Brise von straßaufwärts mitbringt.
Aber nicht nur Zabalin und arme Leute beschäftigen sich mit dem Müll. Auch unzählige Straßenkatzen. Immer wieder sieht man ganz niedliche Katzenjunge. Die älteren Tiere sehen meist schon etwas mitgenommen aus. Heute hab ich eine gesehen, der ein Auge fehlte. Erstaunlich ist bei der Fülle von Straßenmiezen, dass so wenig Roadkill auf den Straßen liegt. Aber vielleicht werden die auch am Morgen alle weggekehrt. Jedenfalls macht es auf den unwissenden Passanten den Eindruck, die Katzen kämen sehr gut mit dem hohen Verkehrsaufkommen zurecht und wüssten genau, wie sie sich bewegen müssen, um nicht unter die Räder zu geraten.
Kulturnotiz: Wirklich niemals Brot von der Straße kaufen! Okay, ich habe mich bereits bequatschen lassen und von einem Straßenhändler gekauft, weil Andrea meinte, sie mache das immer. Aber heute hab ich gesehen, dass es nicht nur unter hygienisch fragwürdigen Zuständen gefertigt wird - es fällt auch durchaus mal auf den Boden, wenn der Junge, der die Brote dekorativ auf der Auslage sortieren soll, vergisst einen der appetitlich aussehenden Fladen zu fangen. Natürlich stellt die Tatsache, dass Essen auf den Boden fällt, keinen Grund dar, selbiges zu entsorgen. Und wenn man - wie ich neulich - einen Battle-to-the-death beobachtet hat, den zwei Kakalaken gigantischen Ausmaßes (gut, eine könnte bereits tot gewesen sein und wurde von der anderen aufgefressen... so genau habe ich jetzt auch nicht nachgeschaut) auf dem Geheweg ausgetragen haben, dann kann einem schon mal der Hunger vergehen. Also merken: Was auf den ägyptischen Straßen liegt zu essen, das kommt Russisches-Roulett-Spielen gleich!
Kulturnotiz 2: Passfotos werden in Ägypten scheinbar retuschiert, auch wenn man es gar nicht möchte. Aber wenn man für umgerechnet rund drei Euro, fünf Jahre jünger aussieht, dann hat sich das Geschäft gelohnt. Unangenehm war nur, dass als kleines spassiges Extra ein Poser-Bild gemacht wurde (ich konnte abwinken, soviel ich wollte - ich musste!). Das Abbild meiner Person wurde dann digital vor einen Wüstenhintergrund gestellt. Jetzt bin ich im Besitz eines Fotos, auf dem ich - an einen alten schwarzen Stuhl gelehnt - in der Wüste stehe. Auch mal was anderes. Naja... für die Visa-Anträge sind die Passfotos „gschisse guut“, wie man in der Palz sagen würde. Habe ich schon den dekorativen Zierschnitt erwähnt? *g*
Quelle:
(1) Jordicke, D. et al. 2000. Kulturschock Ägypten. Reise Know-how Verlgag: Bielefeld.
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