Mittwoch, 24. November 2010

Drama über den Wolken

Gibt es eigentlich Flüge, bei denen nicht nach einem Arzt gefragt wird? Ich habe noch keinen erlebt! Mehr als einen geschlossenen Raum, den man für eine gewisse Zeit nicht verlassen kann, braucht es scheinbar nicht, damit die schlimmsten Krankheiten zu Tage treten. So auch beim Flug von Alexandria nach Dubai. Komplikation: Kein Arzt an Board! Ungewöhnlich. Die durchschnittliche Ärzterate liegt gewöhnlich bei fünf. Der eingebildete Kranke musste deshalb allein auf die Erste-Hilfe-Kenntnisse des metrosexuellen Flugbegleiters vertrauen. Der Schönling eilte zum Notfall-Kit, bewaffnete sich mit einer Sauerstoffflasche, gab dem Kapitän einen Krisenbericht durch (Patient down, aber noch bei Bewusstsein) - und brachte den halb Dahinsiechenden in eine notdürftige stabile Rückenlage. Mehr war dank enger Sitzreihen auch nicht rauszuholen. Brav hielt er die schwarzbesockten Füße des Kranken, fand beruhigende Worte - und war auch nicht ärgerlich gegenüber dem neugierigen Mob, der sich sofort um das Spektakel gerottet hat. (Okay, ich habe auch einen Blick riskiert *g*). Mir tat der Steward etwas leid, denn es war nicht absehbar, wie lange er die Füße würde halten müssen - und der Flug dauerte noch mindestens zwei Stunden. Am Ende gesundete der Notfall wieder - und geriet auch sofort wieder in Vergessenheit. Nur eine Frage bleibt bestehen: Warum gibt es eigentlich Skymarshalls aber keine Skydoctors? Wer hat denn schon einmal unbedingt eine bewaffnete Person an Board gebraucht? Eben. Skydoctors... wäre doch mal ein wirklicher Wettbewerbsvorteil. Nicht nur in den Lüften, sondern auch, falls man flugbrüchig wird...


P.S.: Ich habe einen neuen Freund gewonnen: Abdul Redh aus Kuwait. In einem endlosen Monolog hat er mir von seinen fünf Kindern, seinem "Häuschen" (12 Schlafzimmer, 8 Badezimmer) - und seinen unzähligen Besuchen in Deutschland erzählt. Er drückte mir seine Visitenkarte in die Hand - falls ich jemals nach Kuwait käme..., versicherte mir, die Deutschen seien die Besten - und fand es lustig, dass wir immer "Scheiße!" sagen. Der Opa war echt herzig, wie er so vor sich hingackerte. Zum Abschied drückte er mich auch mal herzhaft an seine Brust, Küsschen rechts, links und großväterlich auf die Stirn. Naja... weil er so nett war, unterstelle ich ihm mal keine unsittlichen Motive. Obwohl es durchaus ungewöhnlich ist, dass ein muslimischer Mann eine fremde Frau berührt. Aber wahrscheinlich hat er mich tatsächlich für seine jüngere Schwester gehalten: Seiner Meinung nach sehe ich nämlich aus wie 45! WAS?

Mittwoch, 17. November 2010

Salat und Blutbad

Wieder einmal Opferfest - aber dieses Mal war ich dabei. Asmaa (meine Arabischlehrerin) hat mich zu ihrer Familie mitgenommen. Schon um 6 Uhr heute Morgen war ich unterwegs zu ihr. 30 Minuten später war ich voll integriert: Hatte ein Kopftuch an, saß mit den anderen auf der Straße, sah den Sonnenaufgang und wartete darauf, dass das Morgengebet beginnt. 

Definitiv kein Look für die Ewigkeit ;)
Ich habe sogar mitgebetet. Eigentlich ganz leicht. Die Bewegungen sind einfach. Und weil man sowieso am häufigsten „allahu akbar“ sagt, wirkt es gleich so, als habe man das schon öfter getan. 
Im Gegensatz zu ewig langen Kirchenpredigten, war es auch ruck-zuck vorbei. Die meisten Damen erhoben sich sofort und stürmten nach Hause (wohl zurück an den Herd *g*). Wir hörten noch die Predigt (natürlich habe ich nichts verstanden, aber Asmaa hat mir Teile übersetzt). Es ging um Abraham - klar. Schließlich ist die Opferung ja ein Nachspielen dieser Bibel- ähm... Koranpassage. :)
Anschließend hat sich jeder „Kol sana we enti tayeba“ gewünscht. Dann ging‘s weiter zur Frau des Scheichs, die wohl hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass in Asmaas Viertel so viele Frauen Niqab tragen. Allerdings schien sie dennoch sehr beliebt. Und auch mich hat sie zur Begrüßung geknutscht. Natürlich würde ich sie auf der Straße nie wiedererkennen. ;)
Im Gegensatz zu meinen Erwartungen: Auch dieses Jahr kein Blutbad vor den Haustüren. Kein Schaf war zu sehen! Stellte sich heraus, dass Asmaas Stadtteil eher arm ist und sich Familien darum an einer Kuh beteiligen, weil sie sich kein eigenes Schaf leisten können. Ein Schaf kostet übrigens rund 1.500 L.E. Ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass die ägyptische Regierung neulich erst diskutiert hat, ob der Mindestlohn besser 200 L.E oder 400 L.E betragen sollte. Etwas enttäuscht war ich schon - vor allem, weil selbst trotz nachfragen niemand wusste, wer wo ein Schaf besaß. Und der Scheich - der einzige, der bestimmt eines hatte - wollte nicht, dass ich beim Schlachten zusehe. Ich könne die Opferung als grausam auslegen und das Ganze missverstehen... 
Hatte mich deshalb schon halb damit abgefunden, dass ich schon wieder nix mitbekommen würde. Aber ich fand es andererseits auch beruhigend zu wissen, dass es auch ganze Stadtviertel gibt, wo keine Blutströme die Straßen unbegehbar machen. 

Zum Frühstück wurde ich auch eingeladen. Man war zwar überrascht, dass ich Vegetarierin bin. Aber es wurde direkt akzeptiert. Das traditionelle Frühstück zum Opferfest ist nämlich „Fatta“: Rindfleisch mit Tomaten auf Reis & Brot. Muss gut sein, denn schon die Beilagen mit der Fleischsoße haben super geschmeckt (hmm... Fleischsoße *g*). Dazu schaut man die Hagg im Fernsehen.

Das Fleisch im Gericht kommt übrigens nicht direkt von den geschlachteten Tieren, wie ich zuerst angenommen hatte. Das Fleisch soll man mit der Hand essen, für den Rest darf man auch Besteck benutzen (sagt Asmaa). Dazu isst man salzige Auberinen.

War alles irgendwie sehr cool. Mir hat es gefallen - und ich kam doch noch zu meinen Blutströmen. Wir haben eine Schlachterei gefunden, in der Hochbetrieb war. Es war weniger grausam als befürchtet. Trotzdem war ich froh, dass ich schon was gegessen hatte. Sah jedenfalls nach einer Menge Arbeit für die Metzger aus. Die schleppen wahrscheinlich Tonnen von Rinderfleisch an einem Tag wie diesem. Sogar die Kinder des Metzgers haben gewässert und gehäutet, was das Zeug hielt. 



Die beiden haben vier Kühe gehäutet - allein in der Zeit, als wir zugesehen haben!
Die linke Kuh wusste, was ihr blüht und wollte sich die ganze Zeit losreißen. Die rechte war wohl Fatalist und hatte sich schon früh in ihr Schicksal gefügt. Immerhin war der Metzger-Boss gnädig: Zuerst wollten sie die rechte Kuh vor der anderen schlachten. Der Chef hat aber dann die andere auch noch geholt, damit sie nicht noch verrückter wird.

Tja...  Killing me softly ist anders. Aber es ging dennoch schneller als erwartet. Zumindest für die rechte Kuh... Etwas irritierend: Die "allahu akbar"-Rufe der Kinder. Wirkte makaber.






Wer will, kann sich ja das Video anschauen. Aber Vorsicht: BLUTIG! 
Zwei Kühe werden geschlachtet

Und nach dem Frühstück bis zum Nachmittag regieren im Fathalla die Kids. Alle Kinder - auch ziemlich kleine - treffen sich dort, um ihre Geldgeschenke in Süßigkeiten umzutauschen. Hunderte rannten alleine im Supermarkt bei mir im Haus rum.