Samstag, 29. August 2009

Van-tastisch - Die erste Fahrt mit den „Höllenhunden“

Für 1.25 LE einmal um die ganze Stadt. Dank meiner neuen Kollegin Andrea, bei der ich über den Ramadan unterkommen kann, habe ich jetzt raus, wie man die Mini-Vans benutzt. Es gibt - wie vermutet - Ein- und Umsteigestellen. Der Fahrer sagt sein Ziel (zumindest den Zielort sollte man also auf Arabisch kennen) und wenn man auch dorthin möchte, dann steigt man ein. Das Fahrtgeld gibt man jeweils dem Gast, der vor einem sitzt, der wiederum seinen Anteil drauflegt und es weiterreicht. Etwas skeptisch war ich schon, ob der Mann vor uns das Geld wirklich weitergeben würde (er hat es verdächtig lange gezählt). Aber alles lief reibungslos. Etwas länger als die Fahrt im roten Doppeldecker war die Fahrt schon, dafür spannender, weil die Mini-Vans eigene Strecken fahren und auch mal die Corniche (die ich jetzt schon fast auswendig aufmalen kann) verlassen. So sind wir eine Parallelstraße entlang gegurkt. Der Fahrer hatte dabei immer im Blick, wieviele Leute gerade in seinem Gefährt saßen. Der Beifahrer hat - wenn Mitfahrwillige an der Straße standen - das Ziel aus dem Fenster gerufen, während der Fahrer mit seinen Fingern angezeigt hat, wie viele Plätze noch zur Verfügung standen. Unser Mini-Van schien übrigens durchaus noch durch den TÜV zu kommen. Das sei anders, wenn man tiefer in die Stadt vordringe, so Andrea. Da sei durchaus davon abzuraten in eines der klapprigen Gefährte zu steigen. Der äußere Schein trüge nicht! Oft hat man auch den Eindruck, die Bremsen der Autos würden nicht so toll funktionieren. Aber solange die Hupe geht (und die wird ja sekündlich getestet) kann nichts schief gehen. Und langsam gewöhnt man sich auch daran, unangeschnallt bei einem Mördertempo über die Straßen zu rauschen. Man kann Vieles über die Ägypter sagen, aber nicht, dass sie kein gutes Augenmaß besäßen. Keine Straße ist zu schmal, kein Lücke zu eng, als dass man nicht noch durchpasste. Selbstverständlich kann man mit dieser speziellen Begabung auch haarscharf an Fußgängern vorbeibrettern. Wem‘s zu gefährlich wird, springt sowieso zur Seite. Wichtig: In einem solchen Fall nicht panisch nach links auf die Straße springen, sondern die rettende Flugrolle immer nach rechts ausführen!
Bei Andrea fühle ich mich übrigens vorerst einmal angekommen. Ich konnte nach zwei Wochen endlich meine Koffer vollständig entpacken, habe Essen und Getränke und einen wundervollen Ausblick über die Dächer der Stadt. Einzig die Tatsache, dass Andrea von der Expat-Weisheit: „Never without air condition!“ scheinbar nichts wusste, macht es etwas anstrengend, bei ihr zu wohnen. Während es mir in den Hotels ständig zu kühl war, könnte ich jetzt sterben vor Hitze. Überhaupt bin ich hier äußerlich nicht mein bestes Ich. Verschwitzt und zerrupft stapfe ich durch die windige Stadt und komme dann auch noch verstaubt an. Mittlerweile denke ich ernsthaft darüber nach, mir auch ein Tuch um den Kopf zu wickeln...
Weiteres Manko bei Andreas Wohnung: Es ist sehr laut. Nachts mit offenen Fenstern schlafen geht gar nicht. Ob das nach dem Ramadan, wenn die durch Lautsprecher verstärkten Korangesänge aufhören, besser ist, wage ich zu bezweifeln. Jede halbe Stunde kommt auch der Zug nach Irgendwo (ich glaub der Name der Stadt beginnt mit A.). Erst hupt er, dann bremst er, dann faucht er - und endlich rattert er quälend langsam über die Schienen davon. Natürlich auch mitten in der Nacht. Das ist selbst mit verstöpselten Ohren gut zu hören. Die Tatsache, dass man - will man überhaupt ein Auge zutun - die Fenster schließen muss, verschlimmert natürlich die sich stauende Hitze in den Räumen. Aber Andrea meint, man gewöhnt sich sehr schnell an das andere Klima. Als sie vor drei Jahren den ersten Winter mitgemacht hat (man bedenke: nach Ramadan ist der Sommer vorbei!), wäre sie noch in kurzen Ärmeln durch die Straßen. Heute hätte sie einen Mantel an, weil ihr kalt wäre.
Notiz: Ich war schon zweimal im Meer schwimmen. Und auch beim Schwimmen kann man ein wenig seekrank werden von den Wellen.

Freitag, 28. August 2009

Yippie: Meine Zeugnisse existieren noch!

Nachdem sie einen Monat bei der ägyptischen Botschaft in Berlin verschollen waren, sind sie jetzt wieder aufgetaucht. Über 30 Tage konnte mir niemand der Botschafts-Mitarbeiter sagen, wo sich mein Einschreiben mit meinem Originalabizeugnis und -magisterzeugnis befindet. Jetzt endlich Entwarnung aus Berlin. Der Brief wurde gefunden. Ich hatte ihn an die falsche Adresse geschickt. Dass es die war, die mir gesagt wurde, ist jetzt auch egal. Hauptsache die Unterlagen sind wieder da und ich darf hoffen, dass sie mich in naher Zukunft erreichen.
Mit Einschreiben habe ich nämlich kein Glück. Der Arbeitsvertrag, den ich am 26. Juni nach Ägypten geschickt hatte, kam laut Nachforschungsauftrag zwar schon am nächsten Tag in Ägypten an. Seitdem verlieren sich jedoch die Spuren. Ist nicht so schlimm. Den kann man ja noch einmal unterschreiben. Aber neue Zeugnisse organisieren, das wäre aufwendig geworden. Und die Zeit wird auch etwas knapp. In zwei Wochen läuft das Touristenvisum aus. Ich werde mich heute mal bei einer alten Veteranin kundig machen, wie ich dieses Visum verlängern kann, ohne ausreisen zu müssen (wozu ich ja auch ein Flugticket bräuchte). Denn auch wenn mein Vertrauen in die ägyptische Botschaft jetzt wiederhergestellt ist - ich habe keinen Grund zur Annahme, dass die Zeugnisse in zwei Wochen bei mir sein werden.
Entwarnung gibt‘s auch auf dem Wohnungssektor. Ja, sie existieren, die schönen Wohnungen, in denen man sich auch als Europäer ein Leben vorstellen kann. Gestern haben wir das charmanteste Apartment gesehen: zwei Zimmer, sauberes kleines Bad, gepflegte kleine Küche, Wohnzimmer, Garten, eigenes Eingangstor. Wunderschön. Allerdings teuer. Da wir spontan verliebt waren haben wir schon zu rechnen begonnen. Schließlich wollten wir unsere einzige Chance auf ein schönes Zuhause nicht entgehen lassen, nur weil es über unserem Budget lag. Doch heute Morgen dann die erleichternde Erkenntnis: Wir waren bei meiner zukünftigen Kollegin Andrea und ihre Wohnung kostet nur halb so viel wie das Schmuckstück in Maamoura, ist ca. 120 qm groß und europäischer Standard. Wir müssen also einfach nur etwas suchen. Auf jeden Fall sollten wir bis nach Ramadan warten, so Andreas Tipp. Schweren Herzens verabschieden wir also von der wunderschönen Wohnung - und suchen uns etwas, das mehr in unserer Preisklasse liegt.
Kulturnotiz: Gestern hatte der Makler gebeten, dass Chris sich zu ihm auf den Beifahrersitz setzt. Chris, der mich auf der Rückbank nicht alleine lassen wollte, hat natürlich abgewunken. Ich ahnte schon, dass das mehr eine höfliche Aufforderung als eine Bitte gewesen war. Unterwegs fragte Aiman, ob es Chris was ausmachen würde, bei ihm zu sitzen, was Chris verneinte. Prompt hielt Aiman den Wagen an und ließ Chris nach vorne einsteigen. Die Erklärung: Wenn er alleine vorne sitzt, wird ihn jeder - egal, welches Auto er fährt oder welche Kleidung er trägt - als Fahrer behandeln. Denn nur wenn man einen Fahrer hat, sitzt man hinten! Ich habe Aiman dann Christians Weigerung erklärt, denn in Deutschland wäre es unhöflich gewesen, die Frau in einem fremden Wagen alleine hinten sitzen zu lassen. Darauf hat er sich mehrfach bei mir entschuldigt, was überhaupt nicht nötig gewesen wäre.
Kulturnotiz 2: Dinge, die man in Ägypten häufig sieht: rauchende Kinder. Und einen Fleischtransport - im Kofferraum eines siffigen gelb-schwarzen Taxis hat ein Händler halbherzig in Karton verpacktes Fleisch ausgeladen, um es einem Metzger an der Straße zu bringen. Wie gut, dass ich Vegetarierin bin.

Dienstag, 25. August 2009

Einmal trifft er jeden: Der Fluch der Pharaonen

Es war nur eine Frage der Zeit. Was genau Schuld war, wissen wir nicht. Nur eines ist sicher: Es ist soweit. Christian liegt flach und hat die ersten zweifelhaften Medikamente gegen Durchfall intus. In meiner ersten Mission wagte ich mich ohne jegliche Begleitung auf Alexandrias Straßen. Ich wurde weder mit Steinen beworfen (Sally sagte, einer Kollegin sei das morgens einmal passiert), noch dumm angemacht - und nach einem kurzen Irrlauf, weil die Pharmacy nicht unmittelbar „behind the hotel“ (wie der Concierge sagte), sondern eine Straße dahinter war, kam ich auch schon an der Apotheke an. Chris‘ Hinweis, dass man einen echten Apotheker daran erkennt, dass er Englisch kann (ist Teil des Lehrplans bei der Apothekerausbildung), hat übrigens gestimmt! Der Apotheker konnte fast besser Englisch als ich und hat mir gleich ein Mittel gegen Durchfall mitgegeben. Erste Befürchtungen, dass es sich um ein Mittel für Tiere handeln können (Einer Freundin wurde ein Durchfallmittel für Pferde gegeben, als sie in Ägypten war!), konnte ich direkt ausschließen. Die Packung sah vertrauenswürdig aus. Ein englischer Beipackzettel lag bei, der behauptete, dass das Mittel selbst für schwangere u/o stillende Frauen geeignet sei. Jetzt müssen wir nur noch warten, bis die Medizin erste Wirkung zeigt. Gott sei Dank, blieb ich bisher vom Fluch verschont. Aber ich habe meine Zeit eigentlich auch schon „abgesessen“ - damals in Algerien.

Heute Morgen war ich zum zweiten Mal, seit ich hier bin, in der Schule. Langsam wird es ernst! Die Fachleiterin war da. Sie heißt Barbara, kommt aus Hamburg, ist seit 30 Jahren Lehrerin - und ihr Mann ist Franzose. Mr. Nabil ist ebenfalls wieder im Land. Ab Sonntag um 8.30 Uhr beginnt für mich die Eingewöhnungswoche. Warum ich als Einzige von den drei Deutschlehrerinnen schon um 8.30 Uhr da sein muss (die anderen kommen eine Stunde später), ist mir zwar schleierhaft, aber es schadet mir auch nicht. Irgendwann muss ich schließlich anfangen, das frühe Aufstehen zu üben. Während der Vorbereitungszeit wird es erste Staff Meetings geben, der Lehrplan soll erstellt und erste Unterrichtsstunden vorbereiten werden. Ich bin schon ziemlich nervös und habe ob der Professionalität von Babs schon die ersten massiven Selbstzweifel. Dennoch: Ich versuche positiv zu denken. Alles wird gut. Tschaka!

Montag, 24. August 2009

Von charmant bis riskant: Fortbewegen in Alexandria

Kostenlos, aber mühsam: zu Fuß

Am günstigsten kommt man wie überall weiter: per pedes. Dagegen spricht allerdings die auch im August noch unerträgliche Hitze. Schon nach wenigen Metern werden die Schritte spürbar langsamer. Und es braucht weniger als einen Kilometer, bis das Leben an Qualität verliert: Der Durst nagt, der Mund ist trocken, die Brille staubig. Zusätzlich zerstört die unablässige Meeresbrise jede Frisur, die feuchte Luft erledigt den Rest. Als verschwitzter Wischmob erreicht man sein Ziel. Ich frage mich, wie die Ägypterinnen es schaffen, so gut auszusehen?

Erschwerend kommt bei jedem „Spaziergang“ hinzu, dass man mit jedem Schritt eine Nase voll Abgase einatmet. Auch der Schmutz auf den Straßen kann zum Hindernis werden. Im besten Fall werden die Schuhe und Füße dreckig. Im schlechtesten rutscht man - wie ich heute - in einer schlammigen Müllpfütze aus, die sich plötzlich vor einem auftut. Also immer schön darauf achten, wo man hinläuft. Es liegt nämlich nicht nur Müll auf der Straße, es kann sich auch aus dem Nichts ein riesiger Stein oder ein tiefes Loch auf dem Weg befinden:


Zusätzlich ist zu Fuß gehen auch die gefährlichste Variante, denn im Verkehr gilt: Autos haben Vorfahrt. Aufgemalte Zebrastreifen, die man ab und an besonders in der Altstadt findet, sind nur Zierde! Also besser erst über die Straße gehen, wenn man sich wirklich sicher ist, dass kein Auto kommt. Und immer schön Abstand zu Kreuzungen halten, denn es wurden schon Fahrer beobachtet, die mit quietschenden Reifen um die Ecke heizten und dabei fast aus der Kurve geworfen wurden - für einen Fußgänger hätten diese Autos nicht mehr bremsen können. Jedenfalls kann es nicht schaden für den Notfall noch einmal die Flugrolle zu wiederholen.


Gelb-schwarze Taxis

Gut an den gelb-schwarzen Taxis (meist der Marke Lada) ist, dass diese Taxis zuhauf durch die Straßen cruisen. Meist muss man sie nicht einmal herwinken. Unentschlossen in der Luft herumschauen genügt bereits, dass einer ein Geschäft wittert und auffordernd hupend eine Vollbremsung hinlegt. Übrigens: Um einen potentiellen Fahrgast zu ergattern wird durchaus auch laut hupend über diverse Spuren gewechselt. Don‘t panic. Bei diesen vermeintlich riskanten Aktionen passiert meist überraschend wenig. Im ägyptischen Verkehr gilt: Jeder achtet nur auf das, was vor einem passiert.

Problematisch an den gelb-schwarzen Taxis ist, dass der Fahrtpreis eine freie Erfindung des Fahrers ist und stark von dessen Laune abhängt. Nur mit viel Verhandlungsgeschick schafft man es, für dieselbe Strecke zweimal denselben Preis zu bezahlen.

Hinzu kommt, dass die Fahrer oft nur sehr rudimentär Englisch sprechen, wenn überhaupt. Auf jeden Fall ist es zu empfehlen, den Preis immer VOR dem Einsteigen auszumachen. Ist man erst einmal eingestiegen, gibt es - bis das Ziel erreicht ist - kein Aussteigen mehr. Und erstaunlicher Weise sind die Preise sehr viel höher, wenn man erst im Taxi in Preisverhandlungen geht. Wahrscheinlich lässt die Tatsache, dass man für kurze Zeit eine wehrlose Geisel ist und nicht um Hilfe schreien kann, den Fahrer mutig werden. Noch ein Tipp: Man darf davon ausgehen, dass der Preis, den der Fahrer nennt, bereits überteuert ist - und sowohl den Ausländer- als auch den Dreistigkeitszuschlag beinhaltet. Die Hälfte als Gegenangebot ist also Pflicht, sonst zahlt man sich dumm und dämlich. Und man sollte sich besser gar nicht darauf einlassen, dem Fahrer selbst einen Preis zu nennen. Von dessen eigener Preisvorstellung lässt sich der tatsächliche Fahrtpreis, den Einheimische bezahlen würden (= genannter Preis durch vier), viel besser einschätzen.

Noch schwieriger als die Preisverhandlung gestaltet es sich aber, dem Fahrer klar zu machen, wo man gerne hinmöchte. Sofern man nicht gerade zu prominenten Landmarken will, scheitern die Zielerläuterungen an der Sprachbarriere und an den mangelnden Ortskenntnissen des Fahrers. Doch letztlich ist es egal, ob der Fahrer verstanden hat, wo‘s lang gehen soll: Man wird natürlich immer mitgenommen. Erst während der Fahrt wird einem dann klar, dass der Mann am Steuer null Plan hat, wohin er fahren soll. Die Fahrt kann in einem solchen Fall durchaus eine gute Stunde beanspruchen (selbst wenn das Ziel nur wenige Minuten vom Einstiegsort entfernt ist). Genug Gleichmut, um den Fahrer nicht ungeduldig anzuschreien, während er sich dienstbeflissen von Straße zu Straße fragt (hier haben Männer keine Scheu, sich nach dem Weg zu erkundigen - im Gegenteil: Das gehört zum guten Ton) sollte man unbedingt mitbringen. Das Gute: Ankommen ist garantiert. Die Frage ist nur wann. Übrigens: Eine Karte zu haben bringt überhaupt nichts. Besser ist, man hat bei Bedarf einen Einheimischen am Handy, der den Weg auf Arabisch erklären kann.


Dass dieser Fahrer mit der Klapperkarre den Koran als Schutzvorrichtung braucht, versteht sich eigentlich von selbst.



Funk-Taxis

Sind nicht gelb-schwarz! Und meist sind die Wagen in besserem Zustand als der durchschnittliche Lada. Die Funk-Taxis werden angerufen (hier die Nummer des fast touristic transport: 19 559) und kommen dann. Angeblich sind diese Taxis die besten. Etwas teurer als ihre gelb-schwarzen Verwandten, dafür fahren sie mit Taxameter. Man erspart sich das mühsame Verhandeln.


Rote Doppeldecker-Busse

Die roten Doppeldecker-Busse verkehren - wie man uns sagte - nur auf der Corniche. Gut klimatisiert kann man für 3 LE pro Person kilometerweit fahren. Allerdings verstehen die Fahrer noch weniger Englisch als die Taxifahrer. Wie kommt man in einen roten Bus? Einfach an den Straßenrand stellen, wenn einer auftaucht. Blickkontakt mit dem Fahrer aufnehmen, Hand raus und winken. Aussteigen ist genauso einfach. Man sagt, wo man rauswill und der Bus hält am Straßenrand. Ganz bequem. Nur die genauen Fahrtzeiten haben wir noch nicht ganz raus. Morgens scheinen sie im 10- bis 15-Minuten-Takt die Corniche entlang zu rauschen. Aber abends sind sie plötzlich verschwunden.


Linienbusse

Als Ausländer weiß man natürlich nicht, welche Linien die Busse fahren. Sie sehen sehr klapprig aus, haben keine Türen und jedes Ziel steht nur in arabischen Lettern am Fenster. Die Landessprache zu sprechen ist also unumgänglich. Fahrpläne haben wir auch noch keine entdeckt (wobei die mit Sicherheit auch nur auf Arabisch sind).


Mini-Vans

Mini-Vans sind die Höllenhunde der Straße. Meist bis zum Platzen gefüllt brettern sie über die Straße, mit geschätzten 80 bis 100 km/h überholen in waghalsigen Rechts-Links-Kombinationen alle anderen Autos. Risikofreude und kuscheliges Dicht-an-Dicht mit Einheimischen wird belohnt: Für günstige 1.00 - 1.25 LE rast man zum Zielort. Es scheint dabei offizielle Umsteigepunkte zu geben. Meist an zentralen Kreuzungen.


Straßenbahn

Gemütlich durch Alex geht‘s mit der Straßenbahn. Wer Zeit hat fährt hier sehr preiswert: nur 25 Piaster pro Person. Und wenn man Glück hat, kommt ein Waggon aus original viktorianischer Zeit, innen holzvertäfelt.


Nichts für Tierfreunde: Kutschen

Ja, es gibt sie noch. Alles was es braucht ist ein halbverhungerter Gaul und einen alten Anhänger. Leider hat das wenig von dem Charme einer Kutschfahrt durch den Central Park in NY (nicht, dass ich das schon mal gemacht hätte *g*). Die armen Tiere müssen auf rutschigem Asphalt durch den mörderischen Verkehr galoppieren. Natürlich verlieren sie oft den Bodenkontakt. Aber ein aufmunternder Peitschenhieb hilft den faulen Kläppern schon wieder auf die Beine. Okay, ganz so schlimm ist es nicht. Aber einem vom Tierschutz geprägten Deutschen fällt der Anblick schon sehr schwer. Dafür habe ich jetzt eine neue Erfindung, die ich demnächst auf den ägyptischen Markt bringen werden. Hufeisen-Untersätze aus alten Autoreifen. So können die Tiere wenigstens mit genug Grip ihre überfüllten Wagen ziehen.


Wie verhungert dieses Exemplar aussah, kann man auf dem Foto nur erahnen (man beachte die sich abzeichnenden Rippen).



Die Hühas, die für Touristen die Landauer ziehen,

sind da schon besser gepflegt - und bekommen auch mehr zu futtern.



Samstag, 22. August 2009

Eat like there is a tomorrow - with no food!

Langsam kann ich verstehen, was am Ramadan so toll ist. Das Buffet am Abend! Und das Gemeinschaftsgefühl. Denn was verbindet mehr, als kollektives Hungern und anschließend zusammen die überstandene Qual bei einem großen Festessen zu vergessen? Sonnenuntergang wird beim Fastenbrechen übrigens eher frei interpretiert. Sobald sich die Sonne dem Meeresspiegel nähert, ist sowieso praktisch Nacht. Die ersten Ägypter laden sich also schon vorab sehr großzügig kleine Berge auf ihre Teller. Wir waren trotzdem die ersten am Buffet (schließlich konnten wir uns als Europäer ohne Gewissensbisse eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang an die Töpfe wagen)! Chris wollte zwar noch warten, da es doch unhöflich sei, als „Ungläubiger“ als erstes ans Ramadan-Buffet zu gehen. Aber das fand ich mehr als hirnrissig, schließlich würde das Essen ja durch langes Warmhalten nicht besser, nur matschiger. Und schließlich hätte das Personal ja vorab was gesagt, wenn der offizielle Start erst ab Sonnenuntergang gewesen wäre. Also haben wir uns direkt bedient. Lauter arabische Spezialitäten, die einem Lust darauf machten sich kugelrund zu fressen! Bald wurde mir allerdings klar, dass zumindest für mich die 130 LE fürs Buffet rausgeschmissenes Geld waren. Denn bei den warmen Gerichten gab es vor allem Eines: reichlich Fleisch! Nicht einmal Fisch war zu finden. Ich habe also Salate und Gemüse gegessen, was alles sehr lecker war, aber eben keine 130 LE wert. Mit gemischten Gefühlen freute ich mich schon mal aufs Dessert-Buffet. Gemischt deshalb, weil es überhaupt nichts Schokoladiges gab. Und nicht mal Eis! Nur typisch Arabisches mit extra viel Zucker, Honig und Fett. Entsprechend schnell wurde uns schlecht. Ich hatte mir ausnahmsweise ja nur wenig Süßes auf den Teller gepackt, schon ahnend, dass es einem kleinen Zuckerschock gleich käme. Kein Wunder, dass so viele Ägypter Diabetes haben! Den letzten Rest hat uns aber unser Waiter gegeben, der uns mit irgendeinem orangenen Festsaft (so süß, dass man bereits nach zwei Schlücken bedient ist) abgefüllt hat. Wir konnten uns nur durch Verlassen des Restaurants gegen ein Wiederauffüllen unserer Gläser wehren.
Übrigens: Für Ägypter gilt nicht, dass die Augen größer sind als der Magen. Eher die Teller zu klein für den im Ramadan angesammelten Appetit. Dennoch: Mit zunehmendem Schwinden der Essensberge sahen auch die einheimischen Restaurantbesucher nicht mehr ganz frisch um die Nasen aus.



Überall stehen kleine, große und riesige Ramadan-Leuchter.



Man braucht nicht viel Fantasie, um hier Parallelen zum Weihnachtsfest zu sehen.



Die Lampe, klar. Aber wen soll die Pappfigur darstellen? Mohamed?

Das Versteckspiel beginnt: Erster Tag Ramadan ...

Der Ramadan hat begonnen. Zuerst war nichts zu bemerken. Es gab Frühstück wie immer und was mich wunderte: Sogar einige Ägypter waren anwesend und haben gegessen, obwohl die Sonne schon längst aufgegangen war. Erste Anzeichen war, dass Chris mich aufforderte, mein Shirt zu wechseln, weil es ein wenig Bauch zeigte. Da ich selbst Bedenken hatte, bin ich in was Langärmeliges geschlüpft. Und das erste was mein Ägypten-Husband dazu sagte: zu tiefer Ausschnitt. Naja... mein Vorrat an Kleidung ist eher begrenzt, also war das deutlich die züchtigere Variante. Dann wollte Chris die Wasserflasche nur in der Tasche durch die Hotellobby tragen - was ich doch etwas übertrieben fand, denn schließlich ist ein Hotel internationales Territorium. Oder nicht? Chris war außerdem überzeugt davon, dass das Starbucks geschlossen sein würde. Aber da behielt ich recht: Es war offen, nur sehr spärlich besucht. So verlassen haben wir es bisher noch nicht erlebt. Auch der Besuch in der Mall zeigte gravierende Unterschiede zum üblichen Treiben. Mehr als nur einige Geschäfte waren geschlossen, überall nur sonderbare Klänge, die wir - als Unwissende - als ein Äquivalent zu unserer Weihnachtsmusik interpretiert haben. Und dazu Weihrauch und Räucherstäbchen in Atembeschwerden verursachenden Dosierungen. Positiv: Es gab überhaupt kein Gedränge, denn alles war wie verlassen. Und erst da fiel uns überhaupt auf, dass auch der Verkehr auf der Corniche heute durchaus überschaubar genannt werden konnte. Dank Rauchverbot konnte man außerdem überall ohne blauen Dunst sitzen. Ägypten ist nämlich das letzte Refugium für Kettenraucher. Überall werden einem Kippen angeboten - und man kann jedem Einheimischen eine große Freude machen, wenn man ihm eine Schachtel hinhält, aus der er sich bedienen kann. Selbst im Bad in unserem Hotelzimmer steht ein Aschenbecher!

In the footsteps of Giants ... Jesus war in Alexandria!

22. August 2009

Wie wir gerade aus einem Reiseführer (1) erfahren, gibt es Experten, die behaupten, dass Jesus in Alexandria war, weil dort zu seiner Zeit die größte jüdische Gemeinde lebte. Das verändert natürlich gleich mal das Lebensgefühl. Vielleicht hat Jesus dasselbe Meer gesehen wie wir jetzt? Obwohl, man sieht ja nie dasselbe Meer. So wie man auch nie dasselbe Alexandria sieht. Hier ist alles im Fluss - ständiger Umbruch und vor allem Abbruch scheint Alltag zu sein. Irgendwie gleicht Alexandria darin dem Meer, an das es gebaut wurde: Wie bei den Wogen des Meeres unternimmt man nichts, um die Schönheit des Moments einzufrieren bzw. zu erhalten, sondern man überlässt alles dem Gang der Dinge. Wenn der Zenit eines Gebäudes überschritten ist, verwittert es. Anstatt das alte Haus zu renovieren, baut man einfach ein neueres, schöneres direkt neben die Ruine. So stehen die schönsten Häuser neben reinsten Schutthalden. Als Europäer steht man verständnislos vor sich hinbröckelnden Häusern im Kolonialstil, die bei uns ein Vermögen wert wären. Hier wartet man nur ab, dass sie endlich in sich zusammenstürzen, damit man was Neues errichten kann. Oft liegt der vergammelte Zustand der Gebäude aber auch daran, dass sich wegen der Mietpreisbindung aus König Faruks Zeiten, kaum ein Hausbesitzer um Instandsetzungsarbeiten kümmert. Mir gefällt das Zitat aus Jobbins‘ Reiseführer: „‘Alexandria, you will be told by former generations of Egyptophiles, is not what it was.‘“ (Leonard Cottrell). Stimmt, das ist es nicht! Aber es könnte passieren, dass Sie Alexandria genießen, wenn Sie aufhören nach Geistern zu suchen.“


Quelle:

(1) Jobbins, Jenny et. al. 2006. Alexandria and the Egyptioan Mediterranean. AUC press, Cairo.


Sporting Club ... oder was davon übrig ist.

21. August 2009

Engländer, die golfen und Cricket spielen. Zwei Swimming Pools - und vor allem viel Grün mitten in der Stadt. Dass der Sporting Club, in dem sich einst Gentlemen und Ladies vergnügt haben, nicht mehr das ist, was er noch zu Kolonialzeiten war, darauf waren wir schon vorbereitet. Aber auf das Stück Grün freuten wir uns dennoch. Mit der Bimmelbahn (= Straßenbahn von Alexandria) sind wir also - wie immer aus unerklärlichen Gründen naiv hoffnungsvoll - nach Sporting gefahren. 50 Piaster für zwei Personen. Das ist günstig. Dafür wurde unterwegs auch die Bahn gestoppt, Fahrer und Kontrolleur sind ausgestiegen, um zu beten. Zehn Minuten in einem Metallwaggon, der regungslos in gleißender Hitze steht, können sehr lang sein. Außerdem waren wir im falschen Abteil - das, in das nur Frauen dürfen. Aber als Europäer wurde uns wohl direkt verziehen, keiner hat versucht uns zu verjagen. Am Sporting Club wurden wir direkt schon am Eingang auf Arabisch aufgehalten. Am Eingang sprach man natürlich kein Wort Englisch. Zeichensprache gerade soviel, um uns verständlich zu machen, dass wir Eintritt (30 LE - natürlich pro Person!) zahlen müssten. Sehr überteuert dafür, dass wir ja nur mal reinschauen wollten. Aber wie hätten wir erklären sollen, dass wir uns für eine Mitgliedschaft interessieren? Dann die Enttäuschung: überall betoniert. Ein großer Parkplatz, lauter Autos. Irgendwo ganz weit hinten zwei Pools, zu denen wir erst einmal tappen. Die Hitze drückt uns ungnädig gen Asphalt und schon nachdem wir den Parkplatz überquert haben, habe ich keine große Lust mehr weiterzugehen. Einer der Pools wird gerade geputzt. Im anderen schwimmt nur eine einzige Frau (ansonsten nur Männer und Kinder). So wie es aussieht, ist sie mit ihren normalen Klamotten ins Wasser gesprungen, Kopftuch inklusive. Männer baden ganz normal. Überall nur Ägypter. Wo sind die Expats, die wir zu treffen hofften? Ein Sicherheitsbeamter fragt nicht gerade freundlich nach unseren Tickets. Wie‘s aussieht, hält sich die Freude über Neuankömmlinge in Grenzen. Auch sonst kümmert sich kein Personal darum, uns eine Mitgliedschaft schmackhaft zu machen. Wir schleppen uns also ziellos durchs Gelände, entdecken Tennis- und Cricketplätze und einen großen grünen Fleck. Vielleicht der Golfplatz? Bei näherer Betrachtung lässt sich das nicht genau ausmachen. Es liegt Müll drauf und alles ist umzäunt. Man kommt nicht einmal auf den Platz. Enttäuscht ziehen wir zur Gymnastikhalle weiter, der ich eine Chance geben möchte. Scheint geschlossen zu sein. Dafür gibt es einen kleinen Vergnügungspark für Kinder, Essenbuden und einen eigenen McDonald‘s. Wo wird denn hier Sport gemacht? Und: Where the hell are all the expats? Nach knapp 20 Minuten haben wir mehr als genug, verlassen den „Club“, sind 10 Euro ärmer und um eine Erfahrung reicher: nichts für uns.

Vom Sporting Club ist unser nächster Stopp ein Café. Hier werden wir Zeugen eines Unfalls auf der Corniche. Eigentlich ist nichts zu erkennen außer sich zunehmend stauende Autos und eine größer werdende Menschenmenge, die durch ihre Leiber das Geschehen vor neugierigen Blicken abschirmen. Man muss schon aus dem Auto aussteigen, um zu sehen, was los ist. Was auch einige eilig tun. Irgendwann stabilisiert sich die Menge, das Verkehrsknäuel löst sich auf. Ich nehme es als Hinweis, dass nichts Schlimmes passiert ist.

Gegen 16 Uhr werden wir endlich von unserem Schicksal im Mercure erlöst. Für 30 Euro weniger pro Nacht schlafen wir jetzt im Sheraton (einen echten und gefühlte fünf Sterne besser) - und sind endlich wieder in der Zivilisation angekommen. Wir haben ein Zimmer, in das nicht nur zwei Betten, sondern zusätzlich auch zwei Menschen passen. Dazu einen Balkon mit einem einzigartigen Meerblick (siehe unten). Und ein Bad mit Badewanne! Pool, Fitnessraum, Sauna, zwei Restaurants - hier lässt es sich definitiv aushalten. Und wie aus dem Nichts sind Chris und ich gleich viel besser gelaunt und voller Tatendrang.

Das ist der Montazah-Palast.

Und hier sieht man das Mittelmeer und den Strand vor unserer Tür.

Donnerstag, 20. August 2009

Knock like an Egyptian ...

Zur Erheiterung an dieser Stelle ein lustiges Netz-Fundstück aus der Reihe „Wie verhalte ich mich wie ein Ägypter?“ Heute: Richtiges Anklopfen.

1. Wenn Sie jemanden besuchen, klopfen Sie - sobald Sie die Tür erreichen - kräftig an. Nein. So nicht! Kräftiger! Als ob Sie klopften, weil Sie der Polizei entkommen möchten. Oder noch besser: Als wären Sie die Polizei auf der Suche nach einem hochgefährlichen Subjekt. Jaaa. Sie haben es verstanden! Hämmern Sie gegen diese Tür! Mindestens dreimal! Besser gleich viermal. Nur um sicher zu gehen.
2. Nach zwei bis drei Sekunden, gerade soviel Zeit, dass der Bewohner schon Superman sein müsste, um aufzustehen und die Tür zu öffnen, wiederholen Sie das Hämmern. Vergessen Sie nicht richtig kraftvoll zuzuschlagen. Als wollten Sie die Tür einschlagen. Perfekt, genau so ist es richtig!
3. Suchen Sie jetzt nach der Klingel - und drücken Sie sie. Und nochmal, und nochmal, und nochmal, und nochmal, und nochmal. Gut so. Man könnte Sie schon fast für einen Ägypter halten. Vergessen Sie auch an dieser Stelle nicht, ein paar Sekunden - auf keinen Fall mehr! - zu warten. Und wiederholen Sie dann sofort Schritt 3.
4. Fortgeschrittene hämmern während des Klingelns kontinuierlich weiter. Doch Achtung: Der Bewohner könnte inzwischen zur Tür gekommen sein. Anfänger sollten deshalb besser mit dem Hämmern aufzuhören - oder Sie könnten ihn versehentlich k.o. schlagen.
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Quellen:
http://expatsinalex.com/expatsinalex/index.htm

Mittwoch, 19. August 2009

Wohnungssuche und andere Unglaublichkeiten

18. August 2009

Der Tag begann gemächlich - allerdings nur, weil ich vergessen hatte, den Alarm des Weckers einzustellen. Erste Erinnerung des Tages: Eine handgroße, fette Spinne wollte gerade zu einer philosophischen Rede ansetzen, die ihren Aufenthalt in meinem Keller rechtfertigte, als Chris mich wachrüttelt. Ich werde nie erfahren, was sie gesagt hätte...
Ungünstig an der morgendlichen Verspätung (es ist kurz nach 9 Uhr): Um 10.45 Uhr bin ich mit meiner Kollegin Sally verabredet. Ich möchte bei ihrem Sommer-Nachhilfeunterricht hospitieren, um ein Gefühl für den Unterricht in Ägypten - und vor allem für die ägyptischen Kinder zu entwickeln. Eine Unbekannte, vor der ich immer noch großen Respekt habe. Um 10.25 Uhr sind wir endlich an der Rezeption, geduscht - und gut gefönt (good to know: Mit nassem Haar auf die Straße geht in Ägypten gar nicht. Denn wenn frau sich mit feuchtem Haupt nach draußen wagt, will sie nur eines: angeben, dass sie gerade Sex hatte. Zumindest wenn man den Behauptungen der Autorin von Brunns (1) glaubt.). Zwar haben wir noch kein Frühstück im Bauch, sind aber dennoch optimistisch. Heute werden wir endlich unsere neue Wohnung sehen! Ich bin überzeugt, dass sie großartig sein wird. Jetzt heißt es vor allem: Nicht zu spät kommen! Wir sind zwar etwas hinter dem Zeitplan, aber das ist noch kein Grund zur Beunruhigung, da wir nur circa 20 Minuten von unserem Ziel entfernt sind. Weil uns aber die Erfahrung des letzten Alexandria-Besuchs gelehrt hat, dass kein Taxifahrer die Future School oder die Straße, in der sie sich befindet, kennt, möchte ich vorab an der Rezeption klären, wieviel man für die Fahrt ungefähr bezahlen muss. Vielleicht kann die Dame, die sich gleich hilfsbereit über die Karte beugt, dem Fahrer sogar in seiner Muttersprache erklären, wie er zu fahren habe. Chris hatte mich am Morgen schon vorgewarnt: Wenn man einem ägyptischen Taxifahrer einen Stadtplan zeigt, dann ist es so, als würde man ihm ein kompliziertes Schnittmuster für ein exzentrisches Kleid zeigen. Kurz: Er kann damit überhaupt nichts anfangen. Gefühlte Stunden später und mit Unterstützung eines Sicherheitsbeamten kommt die Rezeptionistin endlich zu einem Urteil. Die Karte, die wir ihr gezeigt haben, ist eine Karte von ganz Ägypten. Und der Montazah Park, der sei zwar in Alexandria - aber die Straße, die wir suchten, die sei in Kairo. Ich schaue sie fassungslos an. Die Tatsache, dass der Park auf der Karte nur circa eine Daumenlänge von der gesuchten Straße entfernt ist und dass Kairo gar nicht am Meer liegt, scheint sie nicht einmal zu irritieren. Als ich ihr sage, dass wir vor zwei Monaten schon einmal hier waren und die Al Nabawy Al Mohandes Street definitiv in Alexandria sei, schaut sie mich skeptisch an. Immerhin gibt sie zu, dass die Taxifahrt zum Montazah Park nur knappe 20 Minuten dauert.
Wir finden einen Fahrer, der bereit ist, uns für 25 LE (wie sich später herausstellen sollte, wären laut Sally 10 LE mehr als genug gewesen) in die Nähe des Parks zu fahren. Ich rufe zur Sicherheit Sally an, damit sie ihm den Weg erklärt. Wir verfahren uns trotzdem. Mit nur zehn Minuten Verspätung kommen wir an der Schule an. Ich bin erleichtert, dass wir noch einigermaßen pünktlich sind, habe aber ein schlechtes Gewissen, weil es einen schlechten Eindruck macht, zu spät zu kommen. Es stellt sich jedoch heraus: Sally ist auch noch nicht da! Als ich sie anrufe, teilt sie mir mit einem gottergebenen „Wir sind in Ägypten!“ mit, dass man sie in ihrer Garage eingeschlossen habe. Wir warten also geduldig auf ihre Ankunft. Und unternehmen während der Wartezeit Phantasiereisen durch unsere neue tolle Wohnung. Then along comes Sally. Sie begrüßt uns herzlich, weist uns darauf hin, dass wir ja noch überhaupt keine Farbe hätten (eine Aussage, die wir beide nicht verstehen können, da wir doch schon eine gewisse Bräune haben) - und sagt uns, dass sie uns sofort einen der Schulfahrer organisieren wird, der uns zur Wohnung bringt. Ehe sie verschwindet gibt sie uns noch einen wichtigen Tipp: Sollte uns die Wohnung gefallen, dürfen wir uns das keinesfalls anmerken lassen! Und auf jeden Fall muss gehandelt werden! Ich wappne mich schon innerlich, denn alle meine Emotionen stehen mir immer direkt ins Gesicht geschrieben.
Der Sicherheitsmann betritt den Warteraum und bittet uns zum Auto: Der Fahrer stehe schon abfahrtbereit vor der Tür. Wir steigen eilig ein. Minuten später ein Anruf. Ich verstehe niemanden und lege wieder auf. Erneuter Anruf: Es ist Sally. Sie fragt, wo wir denn wären. Ich antworte ihr, dass wir bereits unterwegs seien. Sie: "Der Fahrer hat euch mitgenommen ohne überhaupt zu wissen, wo es hingeht." Weil sie uns nicht hatte finden können, hat sie sich Sorgen gemacht, dass etwas passiert sei. Wir können nicht anders und lachen, geben das Handy dem Fahrer, der nun auch die Adresse weiß, zu der er uns fahren soll.
Das Hochhaus, an dem wir ankommen, macht von außen nicht sehr viel her. Aber ich will mir durch Vorurteile meine Vorfreude nicht verderben lassen. Bestimmt sieht es von innen viel besser aus. Es ist schließlich Ägypten! Meine Erwartungen an die Innenausstattung beginnen irrationaler Weise zu steigen. Der Sicherheitsbeamte, der uns die Wohnung zeigen soll, spricht leider kein Englisch. Mit unseren arabischen Begrüßungsfloskeln kommen wir bedauerlicher Weise auch nicht weiter. Ein Gespräch erübrigt sich also - und wir fahren freundlich lächelnd in einem etwas beengten Aufzug in den 13. Stock. Der Flur ist in gnädige Düsternis geworfen. Eine Tür steht offen. Als wir die Wohnung betreten, wird mein Gesicht wie vereinbart zur ausdruckslosen Maske. Die jedoch mit jedem Schritt bröckelt, letztlich in sich zusammenfällt und mein Entsetzen über jedes einzelne Zimmer zeigt. Die Freude darüber, dass alles möbliert sein würde, wir eine Küche, eine Waschmaschine sogar eine große Terrasse haben würden, schwindet, als ich die nachkriegszeitlichen Zustände sehe. Der Kühlschrank stammt noch aus Dunkelzeiten, als Schränke das Kühlen lernten (und er wurde seitdem nur sporadisch gepflegt). Der Kleiderschrank ist ein verdreckter Bretterverschlag. Die Toilette sehe ich nur mit einem Auge an, nachdem das andere, das das Elend bereits erblickte, dem Gehirn die Nachricht gesendet hat, dass es besser sei nicht genauer hinzuschauen. Die Küche ist ein finsteres Loch mit schmierigen Geräten. Jedes einzelne Bild, jeder Spiegel hat einen Sprung. Der Teppich ist ein abgewetztes besseres Laken. Die Möbel haben einen gewollten aber nicht gekonnten, sehr gewöhnungsbedürftigen, vermeintlich prunkvollen „Kolonialstil“. Formen und Farben erregen sofortigen Widerwillen. Dass das gesamte Apartment selbst durch die dringend notwendige Grundreinigung nur sauberer aber nicht schöner würde, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Positiv ist der Ausblick von der Terrasse. Man sieht das Meer und den Montazah Park - man will den Blick gar nicht mehr abwenden, um dem Grauen in der Wohnung zu entgehen. Darüber hinaus gibt es auch eine Klimaanlage (eine Expat-Weisheit, die wir wussten, ohne dass man sie uns mitgeteilt hat: Ohne Klimaanlage keine Miete!) sowie eine zweite Toilette. Aber dafür 2.500 LE bezahlen? Das scheint uns völlig überteuert. Wir sagen dem vermeintlichen Vermieter, dass wir es uns überlegen - und suchen so schnell es der Anstand erlaubt das Weite. Eins ist sicher: Dort ziehen wir nicht ein!
Auf der Suche nach Essen quälen uns erste existenzielle Frage: Was, wenn diese Wohnung schon das Beste war, das für unser Budget zu haben ist? Und was, wenn alle hier so leben und wir verwöhnten Europäer darüber auch noch die Nase rümpfen. Selbstzweifel und Existenzängste plagen uns - bis wir bei einem leckeren mexikanischen Mittagessen im Chilis wieder neuen Optimismus schöpfen und beschließen, online nachzuschauen, was der Wohnungsmarkt in Alexandria sonst noch so zu bieten hat.
Ein paar Stunden später - nachdem wir noch neues Wasser, ein Käppchen für Chris und einen zweiten Internet-Stick bei etisalat gekauft haben - kommen wir völlig erschöpft im Hotel an. Den Rest des Nachmittags verbringe ich schlafend, während Chris im Netz tatsächlich einige bessere und ebenso erschwingliche Unterkünfte findet. Obwohl es nur Bilder sind, kehrt die Hoffnung zu uns zurück. Ich beschließe erst einmal zu einer weiteren Kollegin (Andrea, die Sallys beste Freundin ist) zu ziehen, wenn sie mich aufnimmt. Ihr Apartment ist im Horrorhaus, nur eine Etage tiefer als die, die wir besichtigt haben - aber ich nehme mal stark an, dass das Aussehen der Apartments auch innerhalb eines Hauses stark schwankt. Und dann werden wir in aller Ruhe ein Zuhause finden, in dem man es ein Jahr ohne permanente Fluchtgedanken aushalten kann. Das Gute am heutigen Tag: Das Zimmer im Mercure hat neuen Charme gewonnen und wir sind heute ganz glücklich hier. So schnell ändern sich Ansichten. Dennoch haben wir uns für nächste Woche ins Sheraton Montazah Park eingebucht.

Quellen:
(1) von Brunn, Reinhild. 2007. Reisegast in Ägypten. Buch & Welt GmbH, München und Iwanowskis Reisebuchverlag, Dormagen.

The world wonders: Die große Bibliothek von Alexandria

blindtext 2

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne... der schmerzhaft und chaotisch ist

14. bis 16. August 2009
Tag 2 in Ägyptens Mittelmeerstadt - und endlich kehrt so etwas wie Normalität ein. Was auch dringend notwendig war, nachdem bei der Ankunft alles schief ging, was schief gehen konnte...
Zuerst schien uns der Reisegott wohlgesonnen. Wir kamen sehr pünktlich in Frankfurt an. Waren die zweiten in der Schlange zum Check-In (Chris meinte, dann könnten sie Übergepäck auf keinen Fall ablehnen) - und als wir nach etwa 30 Minuten Wartezeit an die Reihe kamen (vor uns war jemand, dessen Gepäckaufgabe sich etwas komplizierter gestaltete), stellte sich heraus, dass wir - obwohl wir 30 kg Übergepäck auf die Waage brachten - keinen Aufschlag bezahlen mussten. 10 kg pro Person waren bei Egypt Air als Kulanz drin. Chris ergatterte durch seinen Frequent-Traveller-Status nochmals 10 kg Freigepäck. Ganz glücklich wanderten wir zu Käfer, um zu Frühstücken. Für mich gab‘s völlig überteuerte Pfifferlinge mit Mini-Pretzelknödeln. Der Wortteil „Mini“ war dabei sehr wörtlich zu nehmen. Noch kleiner und die Dinger wären unsichtbar gewesen. 17 Euro waren da schon eine rechte Unverschämtheit. Es gab nicht einmal Brot dazu! Trotz meiner Entrüstung bin ich von der kleinen Portion satt geworden. Im Starbucks haben wir noch Kaffee aufgetankt und sind dann zum Boarding. Christian wollte sich unbedingt direkt in die Schlange stellen, als diese anfing sich zu bilden. Ich: „Ich stell‘ mich doch nicht in die Schlange, ich bleibe sitzen und wir gehen als Letzte. Das macht überhaupt keinen Unterschied.“ Also habe ich ruhig in meiner Zeitung weitergelesen. Der größte Hund der Welt (2,16 m auf den Hinterbeinen!) ist gestorben. Nachdem ich Chris meine ungünstigen Horoskope vorgelesen habe, die nichts Gutes für den Job prophezeiten und dabei merkte, dass er mir nicht mal mit halbem Ohr zugehört hat, kam mir der Verdacht, dass er wohl langsam ungeduldig wurde. Sein häufiger Blick auf die kürzer werdende Schlange bestätigte diesen Verdacht. Entnervt stimmte ich unter diesen Umständen zu, mich einzureihen. Chris: „Jetzt sind wir die letzten.“ Ich: „Na und?“ Chris: „Jetzt ist bestimmt kein Platz mehr fürs Handgepäck.“ Ich: „Ach, Quatsch.“ Chris: „Nur weil du dich nicht einreihen wolltest.“ Ich: „Ich stell mich nicht an. Wozu auch? Die fliegen ohne uns nicht los.“ Unser Weg zum Flugzeug wurde durch eine fortgesetzte Streiterei rund um dieses Thema begleitet. Als wir dann unsere Sitze erreichten stellte sich heraus, das Chris Recht hatte. Jeder einzelne Platz fürs Handgepäck war bereits belegt. Ich durfte also fünf Stunden mit minimalstem Fußraum auskommen, da mein Saxophonkoffer vor meinem Sitz stand. Bestimmt war das zusätzlich ein Sicherheitsrisiko, denn wie gefordert unter dem Sitz konnte ich das Ding nicht verstauen. Chris blieb die Genugtuung, mich anklagend anschauen zu können.
Schon die Maschine ab Frankfurt startete verspätet. Eigentlich nicht problematisch. Außer man hat einen Anschlussflug von Kairo nach Alexandria, mit nur einer Stunde zum Einchecken ins zweite Flugzeug. Übrigens: Auch auf diesem Flug war wieder ein Arzt (in diesem Fall eine Ärztin) an Board.
20.45 Uhr: Ankunft in Kairo. Geplanter Check-In für Alexandria: 20.55 Uhr. In eiligem Schritt sind wir zum „Depature Domestic Flights“, nachdem Christian schon den Last-Call für unseren Flug gehört zu haben glaubte. Mein Hinweis, dass wir wohl erst ein Visum bräuchten (was fett und gut lesbar auf einem beleuchteten gelben Schild stand) wurde von ihm abgetan mit „Das kauft man üblicher Weise am Ankunftsflughafen.“ Die Schlange vor uns war ausnahmsweise mal kurz. Nur ein Paar stand vor uns, das prompt dazu aufgefordert wurde, sich erst einmal ein Visum zu kaufen. Mit einem vorwurfsvollen „Ich hab‘s doch gleich gesagt“-Blick hab ich Chris zur Bank begleitet, wo wir die Visa erstanden. Das Gute: Da die anderen länger gebraucht haben, um die Bank zu finden, waren wir die ersten in der Schlange. Nach der zügigen Passkontrolle dann der Sicherheitscheck, der alles verzögerte. Bei mir wurde ein waffenähnliches Objekt gefunden - und als man mich fragte, was das sei, habe ich erstmal verblüfft auf das Röntgenbild geschaut und krampfhaft überlegt, was ich denn langes spitzes in meiner Tasche hätte. Nur Minuten später kam der erlösende Einfall: Das muss der Füller sein. Erleichterung auch beim Sicherheitspersonal, das mich nun nicht festnehmen musste. Der zweite Sicherheitsbeamte fragte im Konversationston, ob wir geschäftlich oder touristisch unterwegs seien. Wahrheitsgetreu sagte ich, dass ich vorhabe als Lehrerin in Alexandria zu unterrichten. Chris offenbarte mir, dass diese Aussage ein Fehler gewesen wäre, da ich nur ein Touristenvisum habe. Da ich aber an das Gute und an die Wahrheit glaube, hab ich einfach weitergelabert. Leider habe ich den Beamten nicht so gut verstanden. Er wollte wohl wissen, ob ich Musik unterrichte - was ich erst realisiert habe, nachdem ich mit „Ja“ geantwortet habe. Um das richtig zu stellen, habe ich gleich nach dieser Erkenntnis ein „Nein“ hinterher geworfen - allerdings wurde das von ihm als Antwort auf seine neue Frage „In Alexandria?“ gewertet. Sichtlich verwirrt schaute er mich an - worauf ich aufgab, mit den Schultern zuckte und meinen Saxophonkoffer öffnete, den er jetzt besonders gründlich untersuchte. Nach diesem Intermezzo wurde unser Eilschritt hastiger, da wir befürchteten, unseren Flug zu verpassen. Also sind wir zum Gate 28 gerannt, das weiter weg war, als wir dachten. Als wir endlich in der Wartehalle ankamen, waren wir ganz erleichtert, dass noch andere Fluggäste dort saßen. Und sowohl sie als auch wir saßen dann dort noch eine ganze Weile. Selbstverständlich hatte auch der Anschlussflug Verspätung - fast eine Stunde. Dafür ging dann das Boarding sehr schnell, da die Maschine gerade einmal zu einem Drittel besetzt war. Kaum saßen wir, starteten wir auch schon. Ein Guavensaft wurde serviert - und als ich ihn ausgetrunken hatte, dachte ich für mich: Das Flugzeug verliert an Höhe. Schon gingen die Blinklichter an, man solle sich anschnallen. In meinem Geist stiegen schon die schlimmsten Turbulenzen auf, als die Durchsage kam: Wir beginnen mit dem Landeanflug. Ein sehr kurzer Flug! Aber Alexandria ist ja auch gerade mal 200 km von Kairo entfernt.
Die Landung war sanft, auch wenn der Pilot etwas außer Übung wirkte, so schief wie das Flugzeug in der Luft hing. Auch der Ausstieg war schnell - schließlich passten alle Passagiere in einen Bus! Dann die Ankunft an der Ankunftshalle, die so klein war, dass ich für einen Moment dachte, es handle sich um eine Vorhalle zur Ankunftshalle. Als dann aber tatsächlich dort auch schon Gepäckbänder waren, stellten wir uns verwirrt zu den Mitreisenden. Dann wurden wir von einem Beamten weggelotst, wir müssen in die Ankunftshalle für internationale Flüge, weil unser Gepäck dort übers Band liefe. Er deutete vage in eine Richtung. Die gezeigte Richtung bestand aus eine Schlange wartender Menschen, in die wir uns einreihten. Zur Passkontrolle. Als wir endlich dran waren, schaut uns der Beamte etwas entnervt an, was wir hier wollten. Wir: „Man hat uns hierher geschickt, um unser Gepäck zu holen.“ Er: „Das ist doch da hinten!“ Er deutet in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Chris: „Aber der andere Beamte hat gesagt, wir müssten hierher.“ Ich habe ihn weggezogen, schließlich soll man in Ägypten nicht mit Uniformierten diskutieren. Also sind wir an die Information, wo man uns noch einmal sagte, wir sollen geradeaus, am Immigration Office vorbei. Wenig überzeugt sind wir also wieder in den anderen Raum gegangen. Nach unschlüssigem Hin- und Herüberlegen, habe ich beschlossen, die Passkontrolle zu ignorieren und einfach links daneben daran vorbeizulaufen. Chris war von dieser Aktion nicht sehr begeistert, ist mir aber gefolgt. Prompt wurden wir vom selben Beamten aufgehalten, der uns vorhin zurück geschickt hatte. Wir haben unser Anliegen nochmals erklärt. Er: „Aber Ihr Visum muss doch gestempelt werden.“ Wir: „Das ist schon gestempelt. Wir wollen doch nur unser Gepäck. Internationaler Flug.“ Er (unsere Pässe kontrollierend): „Ah, ich verstehe.“
Erleichterung macht sich breit. Wir dürfen wir also in die andere Halle gehen, die wir übrigens deshalb nicht gesehen hatten, weil zu ihr nur ein schmaler Durchgang führt.
Auf dem Gepäckband sahen wir dann schon den orangenen Koffer (von dem sich die beiden Gepäckbänder gelöst haben und jetzt nutzlos daneben hängen) vor sich hin rollen, den wir uns gleich gekrallt haben. Ebenso den grauen Koffer, der ebenfalls einsam seine Runden drehte. Ein Gepäckmensch kam hilfsbereit mit einem Kuli an und hat eifrig aufgeladen. Auch meinen Saxophonkoffer wollte er nehmen, den ich aber schnell mit einem entschlossenen „No thanks, I‘ll take that!“ geschnappt habe. Hoffnungsvoll starrten wir aufs Band. Wie sich herausstellen sollte vergeblich. Das Band stellte seinen Dienst ein. Alle Koffer waren abgeladen. Es war endgültig: Zwei unserer Koffer fehlten. Leichte Panik stieg in mir hoch, denn einer der beiden Koffer enthielt sämtliches Wissen, das ich für meinen Aufenthalt als unentbehrlich erachtete: 20 kg Bücher - einfach weg? Wir erklärten dem Personal, das zwei Koffer fehlten. Der Gepäckmensch nimmt jeden Koffer, der noch auf dem Band liegt, in die Hand und will ihn aufladen - und achtet kaum darauf, dass wir ständig sagen, dass unsere Koffer nicht auf dem Band liegen. Ich muss ihn mit ständigem „That‘s not ours!“ davon abhalten, fremde Koffer aufzuladen. Mein Optimismus sowie meine Geduld neigen sich dem Ende zu, als Chris einen Beamten findet, der für verlorenes Gepäck zuständig ist - und Englisch spricht. Während ich bereits das Schlimmste befürchte (jemand hat unsere Koffer mitgenommen, obwohl ich mir nicht wirklich vorstellen kann, wer einen so schweren Koffer klaut), stellt sich heraus, dass die Koffer noch in Kairo liegen. Ein Formular wird erstellt, man vertröstet uns auf den nächsten Tag, schickt uns zum Zoll (wo wir gefragt werden, was in den Koffern sei - öffnen müssen wir keinen) - und wir fahren zum Hotel.
Erschöpft registrieren wir nur, dass das Mercure erschreckend kleine Zimmer hat (es ist nicht mal Platz, um die Koffer auf dem Boden zu öffnen!) und fallen gegen 2 Uhr zu Spiderman 3 erschöpft ins Bett. Erst am nächsten Tag bemerke ich den schönen Blick aufs Mittelmeer. Bestimmt könnte man auch das Rauschen hören. Nur leider ist die achtspurige Corniche vor der Tür. Also darf man statt der Wellen dem fröhlichen bis energischen Hupen der nicht endenden Autoschlange lauschen. Vollendet wird dieses Geräuschkonzert von den Bauarbeiten, die im Haus gerade im Gang sind, denn das Mercure wird zurzeit renoviert - was aber scheinbar kein Grund war, die Preise zu senken.
Das Frühstück haben wir an diesem ersten Morgen ausfallen gelassen. Schließlich sind wir ja auch erst um 12.30 Uhr aus dem Bett gekrochen, da hätte es sowieso nichts mehr gegeben. Nach einem großen Kaffee im Costa Coffee beginnen wir den Tag herzhaft mit Penne arrabbiata. Dann schleppen wir uns zum Carrefour, um Telefonkarten, Handy und Wasser zu kaufen. Chris braucht außerdem T-Shirts, da seine Kleider im verlorenen Koffer sind. Im City Center angekommen finden wir ein Handy für mich. Während wir uns durch die überfüllten Gänge schlängeln, fährt mir jemand in die Hacke. Vor Schmerz schießen mir gleich Tränen in die Augen. Ärgerlich drehe ich mich um und will meine Wut über diese Rücksichtlosigkeit gleich mal weitergeben, da sehe ich einen kleinen Jungen, der einen voll beladenen Wagen steuert, mich verständnislos anschauen. Natürlich kann ich den nicht anmeckern, der hat nicht mal verstanden, dass das jetzt wirklich weh getan hat. Also schaue ich ihn böse an. Er wird auch direkt von seiner Mutter zurechtgestaucht. Ich humple den Gang weiter und eine Carrefour-Angestellte, die den Unfall mitbekommen hat und gar nichts dafür kann, entschuldigt sich bei mir. Etwas versöhnt schleppe ich mich weiter. Gut, dass ich Sandalen anhabe, deren Riemchen an der verletzten Stelle schmerzhaft reiben. Vor mich hinfluchend helfe ich Chris bei der Suche nach einem passenden Shirt.
Kurz vor der Kasse fällt mir noch ein, dass ich Shampoo brauche. Also renne ich zurück, um schnell eine Falsche zu holen. Während ich mit meinen miserablen Kopfrechenfähigkeiten versuche auszurechnen, ob auch tatsächlich die große Flasche günstiger ist als die kleine oder ob es sich um eine Mogelpackung handelt, werde ich von zwei Ägypterinnen angesprochen. Wie ich heiße, und ich würde so hübsch aussehen. Etwas irritiert bedanke ich mich für das Kompliment - und weil mir nichts besseres einfällt, bitte ich sie, mir beim Rechnen zu helfen. Vor lauter Schreck habe ich nicht einmal nach Name oder Telefonnummer gefragt. Scheinbar ist man als Weißer so rar, dass man tatsächlich sehr oft angestarrt wird. Weiß ist begehrt. Wie begehrt wird klar, wenn man sich die Kosmetikabteilung anschaut, in der diverse Produkte angeboten werden, um die Gesichtshaut zu bleichen. Mehr als die Haut- und Haarfarbe und der Mythos, dass man als Weißer sagenhafte Reichtümer besitzt, kann die Faszination wohl nicht ausmachen. Denn wie Autorin von Brunn (1) aufklärt, gelten Deutsche und Russinnen als besonders ungepflegt, weil sie sich nicht so penibel enthaaren wie Ägypterinnen.

Abends: Ein Anruf. Unsere Koffer kommen mit dem Flug um Mitternacht. Wir kündigen an, sie am nächsten Morgen abzuholen. Morgens (besser am frühen Vormittag) am Flughafen, kommen wir erst einmal nicht direkt durch die Sicherheitskontrolle. Chris hat seinen Pass zu Hause gelassen - ich hab meinen Gott sei Dank dabei. Nach circa einer halben Stunde Wartezeit lässt man mich zum Lost & Found-Büro durch. Vor mir eine Gruppe Inder, die scheinbar auch etwas verloren haben - aber nicht verstanden werden. Endlich komme ich an die Reihe. Der Beamte spricht bedauerlicher Weise nicht annähernd so gut Englisch, wie sein Vorgänger von Freitagnacht. Etwas stockend können wir dennoch klären, dass und welche Koffer ich suche. Es scheint Probleme zu geben und meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich: Die Koffer sind nicht da. Eine hektische Suche beginnt. Wiederholt hackt der Beamte immer wieder dieselben Nummern in die Tastatur seines PCs - die Antwort verändert sich nicht. Er telefoniert und fordert mich - wie‘s aussieht als reine Beschäftigungsmaßnahme - auf, den Kofferstapel vor der Tür zu durchsuchen, den wir ja schon nach unserer Ankunft durchsucht haben. Ich schaue nochmals aufmerksam den Haufen durch und bestätige: Unsere Koffer sind nicht dabei. Ich setzt mich auf den Stuhl, der mir angeboten wird, nachdem ich lange genug darauf gestarrt habe. Er bietet mir Desinfektionsmittel für die Hände an. In Zeiten der Schweinegrippe nehme ich natürlich dankbar an. Der Beamte klärt mich darüber auf, dass sein System ihm sagt, die Koffer seien mit dem Flugzeug um Mitternacht gekommen. Aber sie seien nicht da. Er könne sich das nicht erklären. Aber um 12.30 Uhr käme eine Maschine aus Kairo. Er versuche jetzt mit Kairo zu telefonieren, um herauszufinden, ob die Koffer im Flugzeug seien. Noch eine halbe Stunde warten, na danke. Ich kläre ihn darüber auf, dass die Koffer sehr wichtig seien. Worauf er erneut herumtelefoniert und auf seine Tastatur einschlägt. Zwischendurch kommen immer wieder die Inder ins Büro und schauen verzweifelt, Zettel vor den Beamten haltend. Dann plötzlich ein Gedankenblitz. Vielleicht ist der Koffer im Storage Room! Mal ehrlich, wie kann es sein, dass man darauf nicht gleich kommt? Ein Sicherheitsbeamter wird hergewunken, der den Aufbewahrungsraum aufschließen soll. Als sich die Türen öffnen, fällt mein Blick auf hunderte herrenloser Gepäckstücke. Ob der riesigen Zahl verliere ich beinahe schon den Mut - zumal unsere beiden Koffer schwarz sind, wie der Rest hier. Aber dann denke ich mir, sie müssen ja weiter vorne liegen, wenn sie erst gestern Nacht kamen. Ich schaue also, was denn direkt vor meinen Füßen liegt und sehe einen Koffer, von dem leblos ein nutzloses Gepäckband in Regenbogenfarben herabhängt. Das kann nur unser Koffer sein! Die Annahme bestätigt sich, denn auf dem ersten liegt auch noch der zweite Koffer. Glücklich bringe ich die beiden Fundstücke in Sicherheit (der Beamte muss mir beim Schleppen helfen). Beim Zoll muss ich noch beide Koffer öffnen - sie werden durchsucht. Dann dürfen wir ins Hotel zurück. Endlich. Wir sind wieder vollständig!


Quellen:
(1) von Brunn, Reinhild. 2007. Reisegast in Ägypten. Buch & Welt GmbH, München und Iwanowskis Reisebuchverlag, Dormagen.