Samstag, 29. August 2009
Van-tastisch - Die erste Fahrt mit den „Höllenhunden“
Freitag, 28. August 2009
Yippie: Meine Zeugnisse existieren noch!
Dienstag, 25. August 2009
Einmal trifft er jeden: Der Fluch der Pharaonen
Es war nur eine Frage der Zeit. Was genau Schuld war, wissen wir nicht. Nur eines ist sicher: Es ist soweit. Christian liegt flach und hat die ersten zweifelhaften Medikamente gegen Durchfall intus. In meiner ersten Mission wagte ich mich ohne jegliche Begleitung auf Alexandrias Straßen. Ich wurde weder mit Steinen beworfen (Sally sagte, einer Kollegin sei das morgens einmal passiert), noch dumm angemacht - und nach einem kurzen Irrlauf, weil die Pharmacy nicht unmittelbar „behind the hotel“ (wie der Concierge sagte), sondern eine Straße dahinter war, kam ich auch schon an der Apotheke an. Chris‘ Hinweis, dass man einen echten Apotheker daran erkennt, dass er Englisch kann (ist Teil des Lehrplans bei der Apothekerausbildung), hat übrigens gestimmt! Der Apotheker konnte fast besser Englisch als ich und hat mir gleich ein Mittel gegen Durchfall mitgegeben. Erste Befürchtungen, dass es sich um ein Mittel für Tiere handeln können (Einer Freundin wurde ein Durchfallmittel für Pferde gegeben, als sie in Ägypten war!), konnte ich direkt ausschließen. Die Packung sah vertrauenswürdig aus. Ein englischer Beipackzettel lag bei, der behauptete, dass das Mittel selbst für schwangere u/o stillende Frauen geeignet sei. Jetzt müssen wir nur noch warten, bis die Medizin erste Wirkung zeigt. Gott sei Dank, blieb ich bisher vom Fluch verschont. Aber ich habe meine Zeit eigentlich auch schon „abgesessen“ - damals in Algerien.
Heute Morgen war ich zum zweiten Mal, seit ich hier bin, in der Schule. Langsam wird es ernst! Die Fachleiterin war da. Sie heißt Barbara, kommt aus Hamburg, ist seit 30 Jahren Lehrerin - und ihr Mann ist Franzose. Mr. Nabil ist ebenfalls wieder im Land. Ab Sonntag um 8.30 Uhr beginnt für mich die Eingewöhnungswoche. Warum ich als Einzige von den drei Deutschlehrerinnen schon um 8.30 Uhr da sein muss (die anderen kommen eine Stunde später), ist mir zwar schleierhaft, aber es schadet mir auch nicht. Irgendwann muss ich schließlich anfangen, das frühe Aufstehen zu üben. Während der Vorbereitungszeit wird es erste Staff Meetings geben, der Lehrplan soll erstellt und erste Unterrichtsstunden vorbereiten werden. Ich bin schon ziemlich nervös und habe ob der Professionalität von Babs schon die ersten massiven Selbstzweifel. Dennoch: Ich versuche positiv zu denken. Alles wird gut. Tschaka!
Montag, 24. August 2009
Von charmant bis riskant: Fortbewegen in Alexandria
Am günstigsten kommt man wie überall weiter: per pedes. Dagegen spricht allerdings die auch im August noch unerträgliche Hitze. Schon nach wenigen Metern werden die Schritte spürbar langsamer. Und es braucht weniger als einen Kilometer, bis das Leben an Qualität verliert: Der Durst nagt, der Mund ist trocken, die Brille staubig. Zusätzlich zerstört die unablässige Meeresbrise jede Frisur, die feuchte Luft erledigt den Rest. Als verschwitzter Wischmob erreicht man sein Ziel. Ich frage mich, wie die Ägypterinnen es schaffen, so gut auszusehen?
Erschwerend kommt bei jedem „Spaziergang“ hinzu, dass man mit jedem Schritt eine Nase voll Abgase einatmet. Auch der Schmutz auf den Straßen kann zum Hindernis werden. Im besten Fall werden die Schuhe und Füße dreckig. Im schlechtesten rutscht man - wie ich heute - in einer schlammigen Müllpfütze aus, die sich plötzlich vor einem auftut. Also immer schön darauf achten, wo man hinläuft. Es liegt nämlich nicht nur Müll auf der Straße, es kann sich auch aus dem Nichts ein riesiger Stein oder ein tiefes Loch auf dem Weg befinden:

Zusätzlich ist zu Fuß gehen auch die gefährlichste Variante, denn im Verkehr gilt: Autos haben Vorfahrt. Aufgemalte Zebrastreifen, die man ab und an besonders in der Altstadt findet, sind nur Zierde! Also besser erst über die Straße gehen, wenn man sich wirklich sicher ist, dass kein Auto kommt. Und immer schön Abstand zu Kreuzungen halten, denn es wurden schon Fahrer beobachtet, die mit quietschenden Reifen um die Ecke heizten und dabei fast aus der Kurve geworfen wurden - für einen Fußgänger hätten diese Autos nicht mehr bremsen können. Jedenfalls kann es nicht schaden für den Notfall noch einmal die Flugrolle zu wiederholen.
Gelb-schwarze Taxis

Gut an den gelb-schwarzen Taxis (meist der Marke Lada) ist, dass diese Taxis zuhauf durch die Straßen cruisen. Meist muss man sie nicht einmal herwinken. Unentschlossen in der Luft herumschauen genügt bereits, dass einer ein Geschäft wittert und auffordernd hupend eine Vollbremsung hinlegt. Übrigens: Um einen potentiellen Fahrgast zu ergattern wird durchaus auch laut hupend über diverse Spuren gewechselt. Don‘t panic. Bei diesen vermeintlich riskanten Aktionen passiert meist überraschend wenig. Im ägyptischen Verkehr gilt: Jeder achtet nur auf das, was vor einem passiert.
Problematisch an den gelb-schwarzen Taxis ist, dass der Fahrtpreis eine freie Erfindung des Fahrers ist und stark von dessen Laune abhängt. Nur mit viel Verhandlungsgeschick schafft man es, für dieselbe Strecke zweimal denselben Preis zu bezahlen.
Hinzu kommt, dass die Fahrer oft nur sehr rudimentär Englisch sprechen, wenn überhaupt. Auf jeden Fall ist es zu empfehlen, den Preis immer VOR dem Einsteigen auszumachen. Ist man erst einmal eingestiegen, gibt es - bis das Ziel erreicht ist - kein Aussteigen mehr. Und erstaunlicher Weise sind die Preise sehr viel höher, wenn man erst im Taxi in Preisverhandlungen geht. Wahrscheinlich lässt die Tatsache, dass man für kurze Zeit eine wehrlose Geisel ist und nicht um Hilfe schreien kann, den Fahrer mutig werden. Noch ein Tipp: Man darf davon ausgehen, dass der Preis, den der Fahrer nennt, bereits überteuert ist - und sowohl den Ausländer- als auch den Dreistigkeitszuschlag beinhaltet. Die Hälfte als Gegenangebot ist also Pflicht, sonst zahlt man sich dumm und dämlich. Und man sollte sich besser gar nicht darauf einlassen, dem Fahrer selbst einen Preis zu nennen. Von dessen eigener Preisvorstellung lässt sich der tatsächliche Fahrtpreis, den Einheimische bezahlen würden (= genannter Preis durch vier), viel besser einschätzen.
Noch schwieriger als die Preisverhandlung gestaltet es sich aber, dem Fahrer klar zu machen, wo man gerne hinmöchte. Sofern man nicht gerade zu prominenten Landmarken will, scheitern die Zielerläuterungen an der Sprachbarriere und an den mangelnden Ortskenntnissen des Fahrers. Doch letztlich ist es egal, ob der Fahrer verstanden hat, wo‘s lang gehen soll: Man wird natürlich immer mitgenommen. Erst während der Fahrt wird einem dann klar, dass der Mann am Steuer null Plan hat, wohin er fahren soll. Die Fahrt kann in einem solchen Fall durchaus eine gute Stunde beanspruchen (selbst wenn das Ziel nur wenige Minuten vom Einstiegsort entfernt ist). Genug Gleichmut, um den Fahrer nicht ungeduldig anzuschreien, während er sich dienstbeflissen von Straße zu Straße fragt (hier haben Männer keine Scheu, sich nach dem Weg zu erkundigen - im Gegenteil: Das gehört zum guten Ton) sollte man unbedingt mitbringen. Das Gute: Ankommen ist garantiert. Die Frage ist nur wann. Übrigens: Eine Karte zu haben bringt überhaupt nichts. Besser ist, man hat bei Bedarf einen Einheimischen am Handy, der den Weg auf Arabisch erklären kann.
Dass dieser Fahrer mit der Klapperkarre den Koran als Schutzvorrichtung braucht, versteht sich eigentlich von selbst.
Funk-Taxis
Sind nicht gelb-schwarz! Und meist sind die Wagen in besserem Zustand als der durchschnittliche Lada. Die Funk-Taxis werden angerufen (hier die Nummer des fast touristic transport: 19 559) und kommen dann. Angeblich sind diese Taxis die besten. Etwas teurer als ihre gelb-schwarzen Verwandten, dafür fahren sie mit Taxameter. Man erspart sich das mühsame Verhandeln.
Rote Doppeldecker-Busse
Die roten Doppeldecker-Busse verkehren - wie man uns sagte - nur auf der Corniche. Gut klimatisiert kann man für 3 LE pro Person kilometerweit fahren. Allerdings verstehen die Fahrer noch weniger Englisch als die Taxifahrer. Wie kommt man in einen roten Bus? Einfach an den Straßenrand stellen, wenn einer auftaucht. Blickkontakt mit dem Fahrer aufnehmen, Hand raus und winken. Aussteigen ist genauso einfach. Man sagt, wo man rauswill und der Bus hält am Straßenrand. Ganz bequem. Nur die genauen Fahrtzeiten haben wir noch nicht ganz raus. Morgens scheinen sie im 10- bis 15-Minuten-Takt die Corniche entlang zu rauschen. Aber abends sind sie plötzlich verschwunden.
Linienbusse
Als Ausländer weiß man natürlich nicht, welche Linien die Busse fahren. Sie sehen sehr klapprig aus, haben keine Türen und jedes Ziel steht nur in arabischen Lettern am Fenster. Die Landessprache zu sprechen ist also unumgänglich. Fahrpläne haben wir auch noch keine entdeckt (wobei die mit Sicherheit auch nur auf Arabisch sind).
Mini-Vans
Mini-Vans sind die Höllenhunde der Straße. Meist bis zum Platzen gefüllt brettern sie über die Straße, mit geschätzten 80 bis 100 km/h überholen in waghalsigen Rechts-Links-Kombinationen alle anderen Autos. Risikofreude und kuscheliges Dicht-an-Dicht mit Einheimischen wird belohnt: Für günstige 1.00 - 1.25 LE rast man zum Zielort. Es scheint dabei offizielle Umsteigepunkte zu geben. Meist an zentralen Kreuzungen. Straßenbahn
Gemütlich durch Alex geht‘s mit der Straßenbahn. Wer Zeit hat fährt hier sehr preiswert: nur 25 Piaster pro Person. Und wenn man Glück hat, kommt ein Waggon aus original viktorianischer Zeit, innen holzvertäfelt.
Nichts für Tierfreunde: Kutschen
Ja, es gibt sie noch. Alles was es braucht ist ein halbverhungerter Gaul und einen alten Anhänger. Leider hat das wenig von dem Charme einer Kutschfahrt durch den Central Park in NY (nicht, dass ich das schon mal gemacht hätte *g*). Die armen Tiere müssen auf rutschigem Asphalt durch den mörderischen Verkehr galoppieren. Natürlich verlieren sie oft den Bodenkontakt. Aber ein aufmunternder Peitschenhieb hilft den faulen Kläppern schon wieder auf die Beine. Okay, ganz so schlimm ist es nicht. Aber einem vom Tierschutz geprägten Deutschen fällt der Anblick schon sehr schwer. Dafür habe ich jetzt eine neue Erfindung, die ich demnächst auf den ägyptischen Markt bringen werden. Hufeisen-Untersätze aus alten Autoreifen. So können die Tiere wenigstens mit genug Grip ihre überfüllten Wagen ziehen.
Wie verhungert dieses Exemplar aussah, kann man auf dem Foto nur erahnen (man beachte die sich abzeichnenden Rippen).
Die Hühas, die für Touristen die Landauer ziehen,
sind da schon besser gepflegt - und bekommen auch mehr zu futtern.
Samstag, 22. August 2009
Eat like there is a tomorrow - with no food!
Übrigens: Für Ägypter gilt nicht, dass die Augen größer sind als der Magen. Eher die Teller zu klein für den im Ramadan angesammelten Appetit. Dennoch: Mit zunehmendem Schwinden der Essensberge sahen auch die einheimischen Restaurantbesucher nicht mehr ganz frisch um die Nasen aus.
Das Versteckspiel beginnt: Erster Tag Ramadan ...
In the footsteps of Giants ... Jesus war in Alexandria!
Wie wir gerade aus einem Reiseführer (1) erfahren, gibt es Experten, die behaupten, dass Jesus in Alexandria war, weil dort zu seiner Zeit die größte jüdische Gemeinde lebte. Das verändert natürlich gleich mal das Lebensgefühl. Vielleicht hat Jesus dasselbe Meer gesehen wie wir jetzt? Obwohl, man sieht ja nie dasselbe Meer. So wie man auch nie dasselbe Alexandria sieht. Hier ist alles im Fluss - ständiger Umbruch und vor allem Abbruch scheint Alltag zu sein. Irgendwie gleicht Alexandria darin dem Meer, an das es gebaut wurde: Wie bei den Wogen des Meeres unternimmt man nichts, um die Schönheit des Moments einzufrieren bzw. zu erhalten, sondern man überlässt alles dem Gang der Dinge. Wenn der Zenit eines Gebäudes überschritten ist, verwittert es. Anstatt das alte Haus zu renovieren, baut man einfach ein neueres, schöneres direkt neben die Ruine. So stehen die schönsten Häuser neben reinsten Schutthalden. Als Europäer steht man verständnislos vor sich hinbröckelnden Häusern im Kolonialstil, die bei uns ein Vermögen wert wären. Hier wartet man nur ab, dass sie endlich in sich zusammenstürzen, damit man was Neues errichten kann. Oft liegt der vergammelte Zustand der Gebäude aber auch daran, dass sich wegen der Mietpreisbindung aus König Faruks Zeiten, kaum ein Hausbesitzer um Instandsetzungsarbeiten kümmert. Mir gefällt das Zitat aus Jobbins‘ Reiseführer: „‘Alexandria, you will be told by former generations of Egyptophiles, is not what it was.‘“ (Leonard Cottrell). Stimmt, das ist es nicht! Aber es könnte passieren, dass Sie Alexandria genießen, wenn Sie aufhören nach Geistern zu suchen.“
Quelle:
(1) Jobbins, Jenny et. al. 2006. Alexandria and the Egyptioan Mediterranean. AUC press, Cairo.
Sporting Club ... oder was davon übrig ist.
Engländer, die golfen und Cricket spielen. Zwei Swimming Pools - und vor allem viel Grün mitten in der Stadt. Dass der Sporting Club, in dem sich einst Gentlemen und Ladies vergnügt haben, nicht mehr das ist, was er noch zu Kolonialzeiten war, darauf waren wir schon vorbereitet. Aber auf das Stück Grün freuten wir uns dennoch. Mit der Bimmelbahn (= Straßenbahn von Alexandria) sind wir also - wie immer aus unerklärlichen Gründen naiv hoffnungsvoll - nach Sporting gefahren. 50 Piaster für zwei Personen. Das ist günstig. Dafür wurde unterwegs auch die Bahn gestoppt, Fahrer und Kontrolleur sind ausgestiegen, um zu beten. Zehn Minuten in einem Metallwaggon, der regungslos in gleißender Hitze steht, können sehr lang sein. Außerdem waren wir im falschen Abteil - das, in das nur Frauen dürfen. Aber als Europäer wurde uns wohl direkt verziehen, keiner hat versucht uns zu verjagen. Am Sporting Club wurden wir direkt schon am Eingang auf Arabisch aufgehalten. Am Eingang sprach man natürlich kein Wort Englisch. Zeichensprache gerade soviel, um uns verständlich zu machen, dass wir Eintritt (30 LE - natürlich pro Person!) zahlen müssten. Sehr überteuert dafür, dass wir ja nur mal reinschauen wollten. Aber wie hätten wir erklären sollen, dass wir uns für eine Mitgliedschaft interessieren? Dann die Enttäuschung: überall betoniert. Ein großer Parkplatz, lauter Autos. Irgendwo ganz weit hinten zwei Pools, zu denen wir erst einmal tappen. Die Hitze drückt uns ungnädig gen Asphalt und schon nachdem wir den Parkplatz überquert haben, habe ich keine große Lust mehr weiterzugehen. Einer der Pools wird gerade geputzt. Im anderen schwimmt nur eine einzige Frau (ansonsten nur Männer und Kinder). So wie es aussieht, ist sie mit ihren normalen Klamotten ins Wasser gesprungen, Kopftuch inklusive. Männer baden ganz normal. Überall nur Ägypter. Wo sind die Expats, die wir zu treffen hofften? Ein Sicherheitsbeamter fragt nicht gerade freundlich nach unseren Tickets. Wie‘s aussieht, hält sich die Freude über Neuankömmlinge in Grenzen. Auch sonst kümmert sich kein Personal darum, uns eine Mitgliedschaft schmackhaft zu machen. Wir schleppen uns also ziellos durchs Gelände, entdecken Tennis- und Cricketplätze und einen großen grünen Fleck. Vielleicht der Golfplatz? Bei näherer Betrachtung lässt sich das nicht genau ausmachen. Es liegt Müll drauf und alles ist umzäunt. Man kommt nicht einmal auf den Platz. Enttäuscht ziehen wir zur Gymnastikhalle weiter, der ich eine Chance geben möchte. Scheint geschlossen zu sein. Dafür gibt es einen kleinen Vergnügungspark für Kinder, Essenbuden und einen eigenen McDonald‘s. Wo wird denn hier Sport gemacht? Und: Where the hell are all the expats? Nach knapp 20 Minuten haben wir mehr als genug, verlassen den „Club“, sind 10 Euro ärmer und um eine Erfahrung reicher: nichts für uns.
Vom Sporting Club ist unser nächster Stopp ein Café. Hier werden wir Zeugen eines Unfalls auf der Corniche. Eigentlich ist nichts zu erkennen außer sich zunehmend stauende Autos und eine größer werdende Menschenmenge, die durch ihre Leiber das Geschehen vor neugierigen Blicken abschirmen. Man muss schon aus dem Auto aussteigen, um zu sehen, was los ist. Was auch einige eilig tun. Irgendwann stabilisiert sich die Menge, das Verkehrsknäuel löst sich auf. Ich nehme es als Hinweis, dass nichts Schlimmes passiert ist.
Gegen 16 Uhr werden wir endlich von unserem Schicksal im Mercure erlöst. Für 30 Euro weniger pro Nacht schlafen wir jetzt im Sheraton (einen echten und gefühlte fünf Sterne besser) - und sind endlich wieder in der Zivilisation angekommen. Wir haben ein Zimmer, in das nicht nur zwei Betten, sondern zusätzlich auch zwei Menschen passen. Dazu einen Balkon mit einem einzigartigen Meerblick (siehe unten). Und ein Bad mit Badewanne! Pool, Fitnessraum, Sauna, zwei Restaurants - hier lässt es sich definitiv aushalten. Und wie aus dem Nichts sind Chris und ich gleich viel besser gelaunt und voller Tatendrang.
Donnerstag, 20. August 2009
Knock like an Egyptian ...
1. Wenn Sie jemanden besuchen, klopfen Sie - sobald Sie die Tür erreichen - kräftig an. Nein. So nicht! Kräftiger! Als ob Sie klopften, weil Sie der Polizei entkommen möchten. Oder noch besser: Als wären Sie die Polizei auf der Suche nach einem hochgefährlichen Subjekt. Jaaa. Sie haben es verstanden! Hämmern Sie gegen diese Tür! Mindestens dreimal! Besser gleich viermal. Nur um sicher zu gehen.
2. Nach zwei bis drei Sekunden, gerade soviel Zeit, dass der Bewohner schon Superman sein müsste, um aufzustehen und die Tür zu öffnen, wiederholen Sie das Hämmern. Vergessen Sie nicht richtig kraftvoll zuzuschlagen. Als wollten Sie die Tür einschlagen. Perfekt, genau so ist es richtig!
3. Suchen Sie jetzt nach der Klingel - und drücken Sie sie. Und nochmal, und nochmal, und nochmal, und nochmal, und nochmal. Gut so. Man könnte Sie schon fast für einen Ägypter halten. Vergessen Sie auch an dieser Stelle nicht, ein paar Sekunden - auf keinen Fall mehr! - zu warten. Und wiederholen Sie dann sofort Schritt 3.
4. Fortgeschrittene hämmern während des Klingelns kontinuierlich weiter. Doch Achtung: Der Bewohner könnte inzwischen zur Tür gekommen sein. Anfänger sollten deshalb besser mit dem Hämmern aufzuhören - oder Sie könnten ihn versehentlich k.o. schlagen.
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Quellen:
http://expatsinalex.com/expatsinalex/index.htm
Mittwoch, 19. August 2009
Wohnungssuche und andere Unglaublichkeiten
Der Tag begann gemächlich - allerdings nur, weil ich vergessen hatte, den Alarm des Weckers einzustellen. Erste Erinnerung des Tages: Eine handgroße, fette Spinne wollte gerade zu einer philosophischen Rede ansetzen, die ihren Aufenthalt in meinem Keller rechtfertigte, als Chris mich wachrüttelt. Ich werde nie erfahren, was sie gesagt hätte...
Ungünstig an der morgendlichen Verspätung (es ist kurz nach 9 Uhr): Um 10.45 Uhr bin ich mit meiner Kollegin Sally verabredet. Ich möchte bei ihrem Sommer-Nachhilfeunterricht hospitieren, um ein Gefühl für den Unterricht in Ägypten - und vor allem für die ägyptischen Kinder zu entwickeln. Eine Unbekannte, vor der ich immer noch großen Respekt habe. Um 10.25 Uhr sind wir endlich an der Rezeption, geduscht - und gut gefönt (good to know: Mit nassem Haar auf die Straße geht in Ägypten gar nicht. Denn wenn frau sich mit feuchtem Haupt nach draußen wagt, will sie nur eines: angeben, dass sie gerade Sex hatte. Zumindest wenn man den Behauptungen der Autorin von Brunns (1) glaubt.). Zwar haben wir noch kein Frühstück im Bauch, sind aber dennoch optimistisch. Heute werden wir endlich unsere neue Wohnung sehen! Ich bin überzeugt, dass sie großartig sein wird. Jetzt heißt es vor allem: Nicht zu spät kommen! Wir sind zwar etwas hinter dem Zeitplan, aber das ist noch kein Grund zur Beunruhigung, da wir nur circa 20 Minuten von unserem Ziel entfernt sind. Weil uns aber die Erfahrung des letzten Alexandria-Besuchs gelehrt hat, dass kein Taxifahrer die Future School oder die Straße, in der sie sich befindet, kennt, möchte ich vorab an der Rezeption klären, wieviel man für die Fahrt ungefähr bezahlen muss. Vielleicht kann die Dame, die sich gleich hilfsbereit über die Karte beugt, dem Fahrer sogar in seiner Muttersprache erklären, wie er zu fahren habe. Chris hatte mich am Morgen schon vorgewarnt: Wenn man einem ägyptischen Taxifahrer einen Stadtplan zeigt, dann ist es so, als würde man ihm ein kompliziertes Schnittmuster für ein exzentrisches Kleid zeigen. Kurz: Er kann damit überhaupt nichts anfangen. Gefühlte Stunden später und mit Unterstützung eines Sicherheitsbeamten kommt die Rezeptionistin endlich zu einem Urteil. Die Karte, die wir ihr gezeigt haben, ist eine Karte von ganz Ägypten. Und der Montazah Park, der sei zwar in Alexandria - aber die Straße, die wir suchten, die sei in Kairo. Ich schaue sie fassungslos an. Die Tatsache, dass der Park auf der Karte nur circa eine Daumenlänge von der gesuchten Straße entfernt ist und dass Kairo gar nicht am Meer liegt, scheint sie nicht einmal zu irritieren. Als ich ihr sage, dass wir vor zwei Monaten schon einmal hier waren und die Al Nabawy Al Mohandes Street definitiv in Alexandria sei, schaut sie mich skeptisch an. Immerhin gibt sie zu, dass die Taxifahrt zum Montazah Park nur knappe 20 Minuten dauert.
Wir finden einen Fahrer, der bereit ist, uns für 25 LE (wie sich später herausstellen sollte, wären laut Sally 10 LE mehr als genug gewesen) in die Nähe des Parks zu fahren. Ich rufe zur Sicherheit Sally an, damit sie ihm den Weg erklärt. Wir verfahren uns trotzdem. Mit nur zehn Minuten Verspätung kommen wir an der Schule an. Ich bin erleichtert, dass wir noch einigermaßen pünktlich sind, habe aber ein schlechtes Gewissen, weil es einen schlechten Eindruck macht, zu spät zu kommen. Es stellt sich jedoch heraus: Sally ist auch noch nicht da! Als ich sie anrufe, teilt sie mir mit einem gottergebenen „Wir sind in Ägypten!“ mit, dass man sie in ihrer Garage eingeschlossen habe. Wir warten also geduldig auf ihre Ankunft. Und unternehmen während der Wartezeit Phantasiereisen durch unsere neue tolle Wohnung. Then along comes Sally. Sie begrüßt uns herzlich, weist uns darauf hin, dass wir ja noch überhaupt keine Farbe hätten (eine Aussage, die wir beide nicht verstehen können, da wir doch schon eine gewisse Bräune haben) - und sagt uns, dass sie uns sofort einen der Schulfahrer organisieren wird, der uns zur Wohnung bringt. Ehe sie verschwindet gibt sie uns noch einen wichtigen Tipp: Sollte uns die Wohnung gefallen, dürfen wir uns das keinesfalls anmerken lassen! Und auf jeden Fall muss gehandelt werden! Ich wappne mich schon innerlich, denn alle meine Emotionen stehen mir immer direkt ins Gesicht geschrieben.
Der Sicherheitsmann betritt den Warteraum und bittet uns zum Auto: Der Fahrer stehe schon abfahrtbereit vor der Tür. Wir steigen eilig ein. Minuten später ein Anruf. Ich verstehe niemanden und lege wieder auf. Erneuter Anruf: Es ist Sally. Sie fragt, wo wir denn wären. Ich antworte ihr, dass wir bereits unterwegs seien. Sie: "Der Fahrer hat euch mitgenommen ohne überhaupt zu wissen, wo es hingeht." Weil sie uns nicht hatte finden können, hat sie sich Sorgen gemacht, dass etwas passiert sei. Wir können nicht anders und lachen, geben das Handy dem Fahrer, der nun auch die Adresse weiß, zu der er uns fahren soll.
Das Hochhaus, an dem wir ankommen, macht von außen nicht sehr viel her. Aber ich will mir durch Vorurteile meine Vorfreude nicht verderben lassen. Bestimmt sieht es von innen viel besser aus. Es ist schließlich Ägypten! Meine Erwartungen an die Innenausstattung beginnen irrationaler Weise zu steigen. Der Sicherheitsbeamte, der uns die Wohnung zeigen soll, spricht leider kein Englisch. Mit unseren arabischen Begrüßungsfloskeln kommen wir bedauerlicher Weise auch nicht weiter. Ein Gespräch erübrigt sich also - und wir fahren freundlich lächelnd in einem etwas beengten Aufzug in den 13. Stock. Der Flur ist in gnädige Düsternis geworfen. Eine Tür steht offen. Als wir die Wohnung betreten, wird mein Gesicht wie vereinbart zur ausdruckslosen Maske. Die jedoch mit jedem Schritt bröckelt, letztlich in sich zusammenfällt und mein Entsetzen über jedes einzelne Zimmer zeigt. Die Freude darüber, dass alles möbliert sein würde, wir eine Küche, eine Waschmaschine sogar eine große Terrasse haben würden, schwindet, als ich die nachkriegszeitlichen Zustände sehe. Der Kühlschrank stammt noch aus Dunkelzeiten, als Schränke das Kühlen lernten (und er wurde seitdem nur sporadisch gepflegt). Der Kleiderschrank ist ein verdreckter Bretterverschlag. Die Toilette sehe ich nur mit einem Auge an, nachdem das andere, das das Elend bereits erblickte, dem Gehirn die Nachricht gesendet hat, dass es besser sei nicht genauer hinzuschauen. Die Küche ist ein finsteres Loch mit schmierigen Geräten. Jedes einzelne Bild, jeder Spiegel hat einen Sprung. Der Teppich ist ein abgewetztes besseres Laken. Die Möbel haben einen gewollten aber nicht gekonnten, sehr gewöhnungsbedürftigen, vermeintlich prunkvollen „Kolonialstil“. Formen und Farben erregen sofortigen Widerwillen. Dass das gesamte Apartment selbst durch die dringend notwendige Grundreinigung nur sauberer aber nicht schöner würde, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Positiv ist der Ausblick von der Terrasse. Man sieht das Meer und den Montazah Park - man will den Blick gar nicht mehr abwenden, um dem Grauen in der Wohnung zu entgehen. Darüber hinaus gibt es auch eine Klimaanlage (eine Expat-Weisheit, die wir wussten, ohne dass man sie uns mitgeteilt hat: Ohne Klimaanlage keine Miete!) sowie eine zweite Toilette. Aber dafür 2.500 LE bezahlen? Das scheint uns völlig überteuert. Wir sagen dem vermeintlichen Vermieter, dass wir es uns überlegen - und suchen so schnell es der Anstand erlaubt das Weite. Eins ist sicher: Dort ziehen wir nicht ein!
Auf der Suche nach Essen quälen uns erste existenzielle Frage: Was, wenn diese Wohnung schon das Beste war, das für unser Budget zu haben ist? Und was, wenn alle hier so leben und wir verwöhnten Europäer darüber auch noch die Nase rümpfen. Selbstzweifel und Existenzängste plagen uns - bis wir bei einem leckeren mexikanischen Mittagessen im Chilis wieder neuen Optimismus schöpfen und beschließen, online nachzuschauen, was der Wohnungsmarkt in Alexandria sonst noch so zu bieten hat.
Ein paar Stunden später - nachdem wir noch neues Wasser, ein Käppchen für Chris und einen zweiten Internet-Stick bei etisalat gekauft haben - kommen wir völlig erschöpft im Hotel an. Den Rest des Nachmittags verbringe ich schlafend, während Chris im Netz tatsächlich einige bessere und ebenso erschwingliche Unterkünfte findet. Obwohl es nur Bilder sind, kehrt die Hoffnung zu uns zurück. Ich beschließe erst einmal zu einer weiteren Kollegin (Andrea, die Sallys beste Freundin ist) zu ziehen, wenn sie mich aufnimmt. Ihr Apartment ist im Horrorhaus, nur eine Etage tiefer als die, die wir besichtigt haben - aber ich nehme mal stark an, dass das Aussehen der Apartments auch innerhalb eines Hauses stark schwankt. Und dann werden wir in aller Ruhe ein Zuhause finden, in dem man es ein Jahr ohne permanente Fluchtgedanken aushalten kann. Das Gute am heutigen Tag: Das Zimmer im Mercure hat neuen Charme gewonnen und wir sind heute ganz glücklich hier. So schnell ändern sich Ansichten. Dennoch haben wir uns für nächste Woche ins Sheraton Montazah Park eingebucht.
Quellen:
(1) von Brunn, Reinhild. 2007. Reisegast in Ägypten. Buch & Welt GmbH, München und Iwanowskis Reisebuchverlag, Dormagen.





