Montag, 31. Januar 2011

Flucht aus Ägypten

Taxifahrer kam. Stellte sich heraus, dass es wirklich kaum noch Benzin gibt. Alle paar Meter auf der Wüstenstraße ist eine Tankstelle - und nur bei einer einzigen bis zum Flughafen war noch Treibstoff zu haben (allerdings rationiert auf 20 Liter). Habe dem Fahrer darum 30 Pfund mehr gegeben - hätte ihm wohl besser zusätzlich noch gesagt, dass langsameres Fahren und einen Gang hochschalten Sprit spart. Aber so gut ist mein Arabisch nicht. 
Ich bin mittlerweile am Flughafen Borg al Arab und warte bis die Maschine eintrifft. Ohne Internet müssen sie warten, bis unser Flugzeug aus Dubai hier gelandet ist. Das Boardpersonal bringt die Passagierliste mit und erst dann können wir einchecken. Denke nicht, dass wir pünktlich um 12.35 Uhr starten werden.
Auf dem Weg zum Flughafen konnte ich mir mal einen Überblick verschaffen - und ich habe Schlimmeres befürchtet (Wie immer! irgendwie ist mein Kopf immer auf „Apokalypse now!“ eingestellt). Die Polizeistationen waren ausgebrannt. Teilweise waren ausgebrannte Mannschaftswagen am Straßenrand. 


Provisorische Straßensperren, die Anwohner erstellt haben, um ihre Straßen zu schützen (meist irgendwelche Stühle... keiner wollte wohl eines der kaputten Autos, die immer in der Rinne stehen, herzerren). Und natürlich überall Panzer: Vor dem Nobel-Hotel Four Seasons.


Vor der Bibliothek. 


Vor dem Carrefour (das übrigens noch steht, sogar die meisten Fenster scheinen mir noch heil zu sein - ich würde als Plünderer zuerst einmal Steine in alle Fenster werfen... hm... selbst plündern könnten wir Europäer besser *gg*).


Oder einfach mal so. Weil ein Panzer am Straßenrand immer was hermacht:





Straßenkontrollen durch Soldaten in der Innenstadt und auf dem Weg nach Kairo. 

Hier ein größerer Kontrollposten in der Nähe der Bibliothek von Alexandria.

Aber außer einem toten Hund und einer verendeten Kuh konnte ich keine Leichen am Wegesrand liegen sehen. Und auch keine brennenden Barrikaden oder ähnliches. Ebenso wenig bewaffnete (zivile) Männer. Scheinbar ist das Gröbste schon rum - oder Sandra hatte sich in ihrer Schilderung etwas von ihrer Angst leiten lassen (so wie meine Schilderung wahrscheinlich weniger dramatisch ist, weil ich Endzeitzustände erwartet habe). Wer weiß. Sobald ich wieder Zugang zu Nachrichten habe, werde ich mal schauen, was so passiert ist. Ich finde, dass bis auf das Militäraufgebot und die verlassenen Straßen alles eher normal wirkt. Frage mich, ob ich nicht einfach den Flug, den wir für in zwei Wochen gebucht haben, nehmen können. Vielleicht hätte ich - anstatt der allgemeinen Panik nachzugeben - einfach abwarten sollen (wie ich es zuerst vorhatte). Allerdings: Wenn‘s jetzt tatsächlich schlimmer wird, dann bin ich schon froh, dass ich aus dem Land bin. Ich verstehe zumindest jetzt, wieso Menschen zögern, ein Land zu verlassen. Man weiß ja nie, ob eine Situation unter Kontrolle ist oder anfängt außer Kontrolle zu geraten. Besonders dann nicht, wenn die Informationen, die man von außen bekommt, mit dem, was man selbst mitkriegt, so überhaupt nicht übereinstimmt. Heute hat übrigens auch unser Fathalla wieder aufgemacht. Business as usual? Bin gespannt, wie sich alles entwickelt. In drei Wochen kann ich dann ja selbst nachschauen, was abgeht. Hoffe nur, dass niemandem, den ich kenne, etwas zustößt. 
Am Flughafen ist die Hölle los - und auch den Fahrzeugen nach, die Alexandria verlassen haben, scheint eine allgemeine Flucht eingesetzt zu haben. 


Wagenkolonne verlässt Alexandria.

Probiere mal, ob das Netz wirklich noch nicht geht. Mist, immer noch kein Internet! Kann wirklich nicht verstehen, warum sie die Funknetze so lange ausschalten - das ist kriminell! 
13.30 Uhr
Das Flugzeug sollte laut Plan bereits eine Stunde in der Luft sein. Ich bin eben erst mit dem Check-In fertig - und es stehen noch ca. 30 Leute in der Schlange. Seltsamerweise ende ich in Ägypten immer am hinteren Ende einer Schlange. Das Vordrängen ist fürchterlich. Wenn man dem Vordermann nicht schon den Atem in den Nacken bläst ist, nach ägyptischer Meinung noch zuviel Platz - und man wird ohne Rücksicht auf Verletzungen vorgeschoben. Musste zwei alte Frauen anmeckern deswegen. Aber nachdem einer in der Schlange einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte, weil ein anderer sich vorgedrängt hatte (direkt vor dem Schalter... natürlich eine Frechheit! *g*), waren die Angestellten zumindest bemüht, Drängler wieder nach hinten zu schicken. Bin ich so froh, wenn endlich wieder alles normal funktioniert. Schade eigentlich, dass ich die Woche nicht in Dubai verbringen kann. Dann müsste ich nicht so elend lange unterwegs sein. Erst heute Nacht um 2.20 Uhr geht‘s von Dubai aus weiter. Insgesamt 10 Stunden Flug und 7 Stunden im Transit (zumindest weiß ich so auch wirklich, was das ist). *ächtz*. 
Naja, die Leute, die am Flughafen arbeiten müssen, können einem auch leid tun. Nur aggressive Kunden. Und dabei können die nicht einmal etwas dafür, dass die Computer nicht zu gebrauchen sind (der Frau am Schalter hat vor Nervosität die Hand gezittert). Dazu kommen die Nachschubprobleme: Alle Cafés sind leergefuttert. Nur noch Getränke sind zu haben und selbst hier sind einige schon zu Neige gegangen. Wenn jetzt schon Notstand herrscht, wie werden dann erst all die genervten Reisenden reagieren, die später fliegen? Gut, dass ich dieses Mal an ein Sandwich gedacht habe - mit Fetakäse und Gurke und als Nachtisch etwas Schokolade. Heute darf fly.dubai ihre überteuerten Eierbrote wem anderes andrehen. Oder war das air arabia? Hmm... egal. In beiden Airlines macht die Tatsache, dass man für das Essen an Board extra zahlen muss den Geschmack nicht besser. 
Auch ein Phänomen: Immer wenn ich „nur das Nötigste“ zusammenpacke, sind mindestens 10 Bücher dabei, die ich grade ganz dringend brauche. Und seltsamerweise immer auch ein Arabischbuch, weil ich mir vornehme was zu lernen. Gelernt habe ich allerdings noch nie... die Frage ist nur, warum ich es trotzdem immer wieder als überlebenswichtig einstufe und mit mir herumschleppe (gerade habe ich vier Bücher im Handgepäck!) Und: MacBook schlägt Saxophon. Definitiv könnte ich ohne den Computer nicht leben. Obwohl das Saxophon wertvoller ist, musste ich es als Fraß für eventuelle Plünderer in der Wohnung zurücklassen - aber ich habe es gut versteckt. 
15.00 Uhr
Die Entdeckung der Langsamkeit
Wir sind endlich im Flugzeug. Boarding completed. Aber: Es fehlt noch ein wichtiges Dokument, das erst in 30 Minuten mit dem Fax geschickt wird. Warum braucht ein Fax 30 Minuten? Und wenn faxen möglich ist, warum wurden dann die Passagierlisten nicht auch gefaxt, sondern hergeflogen? Hinter mir ein weiterer Tobsüchtiger, der Rechenschaft fordert. Ich denke mir nur: that‘s Egypt und frage nach Wasser. Wenigstens gibt‘s einen Becher gratis. Und für Essen habe ich auch weitsichtig vorgesorgt. Oder wie das Kind auf dem Sitz neben mir bemerkte: "Baba hamm!" :)
21.00 Uhr Ortszeit Dubai - Ankunft auf dem Flughafen, der Verrückte macht
Ich habe mich schon auf einen ruhigen Aufenthalt im Transit gefreut. Scheißebächel, wie man in der Pfalz sagen würde. Die wollen für das Rerouting des Gepäcks 84 Dollar! Unverschämtheit. Weil ich mich bestimmt nicht so doof abzocken lasse, nehme ich den Weg des Einreisens und wieder Ausreisens auf mich. Natürlich gibt es keinen Bus zum Terminal 1 (ich bin auf Terminal 2 angekommen). Und das Taxi kostet 35 Dirham. Und natürlich lande ich erst im falschen Abflugbereich. Und selbstverständlich gibt es keinen Verbindungsgang zu dem Bereich, von dem die Lufthansa abfliegt (die ganze Gepäckkontrolle war also umsonst!). Aber dann endlich bin ich am Schalter. Und noch die erste dazu. 3 Minuten später denke ich mir: So einfach ist die Welt - oder: Hach, Lufthansa! Jetzt versuche ich mal Essen aufzutreiben. Yippie: Ich habe wieder Internet!

Protokoll einer Revolution

28.01.2011
11 Uhr
Freitag - der von der Regierung gefürchtete. In allen Zeitung stand es: Nach einer Woche kleinerer und größerer Anti-Regierungs-Demos in Kairo, Alexandria und Suez werden heute nach dem Freitagsgebet weitere (und umfangreichere) Proteste befürchtet.
Vom Balkon aus sieht man mal vor unserer Moschee keine ungewöhnliche Polizeipräsenz (wie damals, als Mubarak zur OP in Heidelberg war). Aber seit heute Morgen gehen weder Internet, Handys noch Festnetz. Chris hat sich entschieden vor dem Freitagsgebet zum Flughafen zu fahren. Seltsames Gefühl irgendwie, wenn man sich gegenseitig nicht mehr erreichen könnte. Habe ihm mein „Phrasebook of Egyptian Arabic“ mitgegeben. Damit er sich verständigen kann, wenn er von der Polizei aufgehalten wird. Bin mal gespannt, ob man heute auch in Alex spürt, dass der Revolutionsgedanke auf Ägypten übergesprungen ist. 
14 Uhr
Immer noch keine Kommunikation möglich. Die Straßen sind (bei uns) ruhig.
20.30 Uhr
Es tut sich was. Leider kann ich von meinem Balkon aus nur wenig sehen, aber scheinbar hat sich eine größere Menschenmenge vor der Polizeistation an der Straße gesammelt. Außer aufgewühltem Herumrennen und tumultartigen Geräuschen ist allerdings bisher nichts passiert. Auch kein Polizeiaufgebot - was ja immer gut ist. Nicht, dass es noch zu einer Straßenschlacht kommt. 
Das Netz ist noch immer blockiert. Es nervt, wenn man niemanden anrufen kann.



29.01.11
15 Uhr
Chris kam endlich mal telefonisch durch - und da ich ja bisher ohne Nachrichten war, weiß ich auch mal, was hier so abgeht. Es gab gestern Nacht mehrere Straßenschlachten mit der Polizei in der Innenstadt. Ca. 30 Tote und mehrere Verletzte (allein in Alexandria!). Der Gouverneurspalast wurde angezündet. Die meisten Polizeiwachen gestürmt und niedergebrannt. Plünderungen sind angesagt für heute Abend (angeblich spricht man sich schon ab, wo Ausländer wohnen, die man ausrauben kann - aber ich halte das für ein Gerücht). Ausgangssperre ab 16 Uhr (gestern war übrigens auch eine - ab 18 Uhr - von der hatte ich gar nichts gewusst). Egypt Air hat gestern Mittag den Betrieb eingestellt. Lufthansa fliegt auch nicht mehr. Und Chris ist auf dem Weg zum Flughafen an brennenden Barrikaden vorbei gefahren!
Alles irgendwie sehr spannend - obwohl ich überhaupt nichts mitkriege in meinem Elfenbeinturm (vielleicht hätte ich den Fernseher doch behalten sollen - schlechter Empfang ist immer noch besser als gar kein Empfang). Bei uns in der Gegend war es ruhig(er). Bis auf die kleine Demo gestern war alles zahm. Doch heute soll das Militär durchgreifen. Sandra sagt, dass das Meer voller Militärschiffe ist (ich kann keine sehen). Sie hat mir angeboten, dass ich mich mit ihnen in Gleem verbarrikadiere. Aber ich denke, dass es außerhalb vom Krisengebiet sicherer ist und in diesem Fall „safety in numbers“ nicht zählt. Wünschte nur, dass mein Internet funktionierte. Und vielleicht ziehe ich mich mal richtig an. Nur für den Fall, dass ich heute Abend vor Plünderern fliehen muss. Überlege schon, was das Schlimmste ist, was sie mir klauen können. Saxophon, Gitarre oder Computer? Hm....
Impressionen von unserer Polizeistation


Freiheit, wo einst Gitter waren


Und auch auf die Fahrzeuge wurde keine Rücksicht genommen


16.30 Uhr
Eigentlich ist Ausgangssperre. Aber die Straßen sind deutlich voller als gestern Nacht. Und: Die Leute wirken, als würden sie sich auf einen Kampf vorbereiten. Jeder holt den Schäferhund vom Dach, Männer bewaffnen sich mit Eisenstangen. Die Frage ist nur: Wo ziehen sie hin, um sich zu prügeln?
16.45 Uhr
Wenn mich nicht alles täuscht, dann bereiten die sich nicht auf eine Demo vor, sondern darauf, ihre Häuser zu bewachen. Scheint so, als befürchte jeder Plünderungen. Und ich wohne in dem Haus, in dem der Fathalla ist. Ein Hauptangriffsziel? Geschäfte werden wohl eher geplündert als Wohnungen. 


Unsere Bürgerwehr formiert sich


17 Uhr
Okay... Stöcke und Schäferhunde waren scheinbar sooo five-minutes ago. Die ersten haben Macheten und Hackbeile in der Hand. Spannend. Ich sollte mich anziehen, falls ich rausrennen muss. Aber ob wirklich jemand ins Haus kommt? Das scheint mir alles so unwahrscheinlich. Schließlich geht es doch um die Regierung. Andererseits: Hass gegen etwas Bestimmtes kann sehr schnell auf Hass gegen alles umschlagen. Ich wünschte, ich könnte auch einen Schäferhund vom Dach holen. Ziehe mir am besten ein Kopftuch an, damit man mich nicht gleich als Ausländerin erkennt auf dem Balkon.
Messer und Hackbeil...


... sowie Stöcke jeglicher Art. Alles eignet sich im Kampf gegen das Böse ;)


19.30 Uhr
Die Bürgerwehr ist wieder verschwunden. Vielleicht zum Gebet? Gerade läuft die Rede von einem Iman. Verstehe zwar nichts, aber es wirkt, als würde er den Leuten ins Gewissen reden. Cynthia hat angerufen und erzählt, dass letzte Nacht viele Geschäfte im Carrefour Citycenter geplündert wurden. Überlege, ob ich die Kommode vor die Tür schieben soll. Aber dann komme ich auch nicht so schnell aus der Tür, falls ich weglaufen muss. Hmm... Chris meint, ich solle nach Dubai flüchten (natürlich erst die nächsten Tage). Aber das erscheint mir überreagiert. Allerdings habe ich auch keinen Zugang zu Nachrichten. Vielleicht wäre das genau die richtige Reaktion. Wann geht endlich das Internet wieder?  
20.30 Uhr
Sandra hat mich mit Neuigkeiten versorgt: In Gleem wird scharf geschossen. Und San Stefano wird wohl grade geplündert. Auf der Straße schreien Frauen um Hilfe, aber keiner kann helfen. War wohl eine gute Entscheidung hier zu bleiben, auch wenn ich keine Nachrichten mitkriege. Sandra hörte sich ganz schön verängstigt an. In den Nachrichten laufen wohl die reinsten Horrormeldungen. Ich habe noch keine Angst. Ignorance is bliss.
21 Uhr
Okay. Ich höre jetzt auch Schüsse. Ich schau mal auf dem Balkon nach.
- Man sieht nichts, aber es klingt, als kämen die Schüsse näher. Es ist erst neun! Das wird eine lange Nacht. Telefone funktionieren schon wieder nicht! Ich werde jetzt mal die Kommode vor die Tür schieben. - So. Erledigt. Aber ob das viel Unterschied macht? Es ist nur die Hälfte der Tür wirklich durch die Kommode blockiert. Wer hätte gedacht, dass ich mich mal wo verbarrikadieren muss. Es werden übrigens mehr Schüsse.
21.20 Uhr
Durchsagen aus den Moschee-Lautsprechern. Ich hätte besser Arabisch lernen sollen. Was wohl genau gesagt wird?
Geschrei auf der Straße. Ich schau mal nach! - Wildes Herumrennen vor der Tür. Leute wetzen Messer und schreien. Warum ist mir nicht ganz klar. Es sieht immer noch so aus, als seien nur Menschen aus unserer Straße vor der Tür, um die Häuser zu bewachen. Ich glaub, ich mach mich mal soweit fertig, dass ich eventuell auch kampfbereit bin. ;)
22.30 Uhr
Werde langsam ins Bett gehen. Werde angezogen schlafen - für den Fall der Fälle. Und heute mal ohne Ohrenstöpsel, damit ich höre, wenn draußen etwas Seltsames passiert. Die Schüsse haben sich weiter entfernt. Die Bürgerwehr steht draußen. Mehr kann ich jetzt sowieso nicht tun. Morgen weiß man mehr. Hoffentlich tritt Mubarak schnell zurück.  
Bis zum Morgengrauen verteidigten die wehrtüchtigen Männer unserer Straße Haus und Hütte. Allerdings waren die meisten "Angriffe" nur irgendwelche harmlosen Autos, die rumgefahren sind. Obwohl: Harmlos? Eigentlich war ja Ausgangssperre. Sie wurden also zu Recht umzingelt und angebrüllt!


30.01.2011
11.30 Uhr
Nagwa ist hier. Das Internet funktioniert immer noch nicht. Aber die Nacht war soweit ruhig (in meinem Haus). Werde mal herausfinden, wie es anderswo war.
Mit Sandra telefoniert: Sie ist nach Agamy gefahren. Am Straßenrand bewaffnete Leute. Sie wollen nach Borg al Arab und den nächsten Flug raus nehmen. Der Fahrer ist leider schon los, sonst wäre ich mit. Hauptproblem: Es gibt nirgendwo mehr Geld. Fahrer verlangen (laut Sandra) Unsummen, wenn sie überhaupt fahren. Keiner traut sich mehr auf nicht gesicherte Strecken, weil man dann sein Auto geklaut bekommt oder schlimmeres. Auf der Wüstenstraße nach Kairo sind die Zustände noch krasser. Scheinbar hat der Polizei-Minister aus Rache die Gefängnisse geöffnet (sagt Nagwa). Auf der Wüstenstraße werden Busse überfallen. Es wurden Tote am Straßenrand gesehen (sagt Thomas).
13.30 Uhr
War eben draußen um eventuell Geld zu bekommen (schön mit Kopftuch getarnt. Und ich finde dafür, dass ich es selbst gebunden habe, ist es ganz gut geworden *g*).




Die Banken sind natürlich geschlossen, der Fathalla auch - und auch der Geldautomat im Sheraton funktioniert nicht. Die Polizeistation um die Ecke wurde niedergebrannt. Vor dem Montaza-Park stehen Panzer und Soldaten. Auch an unserer Straße steht inzwischen das Militär (und wird munter fotografiert - auch von mir *g*). 


Vor unserer Straße steht seit heute ein Panzer. Der Neuankömmling hat es bereits jetzt unter die 100 beliebtesten Fotomotive Alexandrias geschafft. 





Hoffentlich stabilisiert sich die Lage oder ich sitze hier fest. Ganz ohne Geld bin ich Gott sei Dank nicht, weil ich Dina mal ein Stück Gold abgekauft hatte. Wert ca. 2000 L.E. Außerdem habe ich noch 300 Pfund Bargeld - allerdings in großen Scheinen, die auch nichts nutzen, denn ich glaube kaum, dass mir jemand in einem kleinen Geschäft einen solchen Schein wechseln wird. Das Internet soll angeblich im Laufe des Tages wieder funktionieren (sagt Emans Vater Sherif). Bis jetzt tut sich aber nichts. Ab 16 Uhr ist noch mal Ausgangssperre. 
Nagwa hat erzählt, dass Omar (der Sohn von Dina) vergangene Nacht auf seiner Straße Wache stand. Sie haben fünf Räuber dem Militär übergeben. Arme, arme Dina. Sie wird sich wohl sehr viele Sorgen um ihre Kinder machen. Und Barbara um ihren Mann. In Notzeiten ist man am besten am selben Ort, finde ich.
Da ich sowieso nichts tun kann, werde ich lesen und arbeiten und fernsehen. Insha‘allah ist morgen das Gröbste vorbei. Entweder das - oder die Lage verschärft sich. Wie auch immer: Ich hänge hier fest.

16.15 Uhr
Liesel hat angerufen. Und auch Michael aka "The Dad". Haben gefragt, ob es mir gut geht. Leider kann ich nicht lange telefonieren, denn mein Guthaben ist am Schwinden - und neue Karten gibt's gerade nirgendwo zu kaufen. Chris drängt, dass ich das Land verlasse. Aber mit welchem Fahrer? Habe jetzt bei Sally angerufen. Sie meint, sie könne vielleicht einen Fahrer für morgen finden. 
In meinem Stadtviertel ist es so ruhig, dass ich die Panikmache nicht nachvollziehen kann. Allerdings fangen sogar die Botschaften an, ihr Personal abzuziehen (sagt Christian). Wasser- und Stromversorgung sind eventuell unsicher, also mache ich jetzt mal das 101 der Notversorgung: Habe die Badewanne voll Wasser laufen lassen; den Trinkwasserfilter ausgewechselt (siffte bereits seit Monaten vor sich hin); dann alle verfügbaren Flaschen mit Trinkwasser aufgefüllt; Kerzen bereitgestellt. Essen habe ich noch für ca. 2 Wochen. Aber Essen kann ich ja auch unten kaufen - zwar nicht im Fathalla aber auf der Straße. Werde jetzt mal meine Siebensachen packen. Falls ich für morgen einen Flieger bekommen kann. Die Notfall-Nummer der Botschaft hat übrigens nicht funktioniert - und auf der anderen Nummer geht keiner ran. Alles Mist. Wenn wenigstens das Internet wieder funktionieren würde, dann wüsste ich was tun. Wie ernst soll man das mit den Plünderern nehmen? Falls eine echte Gefahr auch in unserem Viertel besteht, sollten die unten auf jeden Fall mit Autos eine Straßensperre errichten. Einfach nur Wache halten ist bei einer Bandengröße von bis zu 200 Menschen nicht effektiv. Hmm... Werde mal alle Wertsachen, die ich hier lassen muss, auf dem Schrank und unter dem Bett deponieren. Vielleicht sieht sie dort keiner.  
16.30 Uhr
So - einen Fahrer hätte ich, der bereit wäre, mich für 150 L.E. zu einem der beiden Flughäfen zu bringen. Jetzt brauche ich nur noch die Bestätigung von Chris, dass auch ein Flug zu haben ist - und dann bin ich ebenfalls weg aus dem Krisengebiet.
- Auf der Straße gibt es schon die ersten Zankereien unter den Anwohnern. Anscheinend ist es nicht die beste Idee, verängstigten Menschen auf Adrenalin eine Waffe in die Hand zu drücken. 

22 Uhr
Panzer patroullieren durch die Straßen. Schon seltsam, dass man direkt am Geräusch erkennt, dass ein Panzer durch die Straße fährt - auch wenn man noch nie zuvor einen durch Straßen fahrenden Panzer gehört hat. 




Es ist wesentlich ruhiger als gestern. Alle gehen davon aus, dass sich die Lage entspannt (alle = Asmaa, Sally, Nagwa, Cynthia). Ich werde das - Insha‘allah - nur aus dem Ausland beobachten können, denn der Flug nach Frankfurt (über Dubai) ist gebucht. 


Eben hat der Fahrer angerufen, der den Preis nachverhandeln wollte. Dabei kriegt er schon das Dreifache für die Strecke. Verständlich, dass er es versucht. Sally hat das für mich geregelt (angeblich gibt es kaum noch Benzin). Aber ich gebe dem Fahrer bereits die Hälfte meines Geldes. Den Rest brauche ich, um eventuell andere auf meinem Weg aus dem Land zu bestechen. 
0 Uhr
Deutlich mehr und nähere Schüsse zu hören als letzte Nacht. So kommt es mir jedenfalls vor. Vielleicht fühle ich mich auch nur weniger sicher, weil heute keine Bürgerwehr mehr auf der Straße ist - zumindest nicht in dem Maße wie gestern. Wetter wird auch schlechter. Ab und an schreit wer. Ich höre Panzer auf der Straße herumfahren. Und angeblich ist die Polizei unterwegs - weswegen wohl auch alle anderen verschwunden sind. Denn was man hier so über die Polizei mitkriegt, lässt einen nicht unbedingt ruhiger schlafen. Polizei = der Feind. Um das zu raffen, braucht man sich hier nicht lange aufzuhalten. Allein in der Zeit als ich in der Stadt war, haben sie drei Jungs zu Tode gefoltert und auf die Straße geworfen wie Abfall. Ich traue den Straßenbewohnern mehr. Vielleicht ist es einfach auch nur zu ruhig. Gespenstig ruhig (außer Schüsse und Panzer und Geschrei... es fehlen hupende Autos, Musik aus übersteuerten Lautsprechern, Geplapper auf den Straßen und die obligatorische Hochzeit um die Ecke). Wer weiß, aber irgendwie wirkt es heute mehr wie Ruhe vor dem Sturm als wirkliche Ruhe. Das verunsichert mich. Noch eine Nacht... wird schon gut gehen. Morgen bin ich hier raus.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Das Jahr des Falken

Jaja... ich weiß. Bauernfängerei. Aber wer mich kennt, der weiß auch: Wenn da jemand mit einem Greifvogel steht, den man anfassen darf, dann gibt's kein Halten mehr. Und die 40 Euro war's doch wert, oder? ;)

Mittwoch, 24. November 2010

Drama über den Wolken

Gibt es eigentlich Flüge, bei denen nicht nach einem Arzt gefragt wird? Ich habe noch keinen erlebt! Mehr als einen geschlossenen Raum, den man für eine gewisse Zeit nicht verlassen kann, braucht es scheinbar nicht, damit die schlimmsten Krankheiten zu Tage treten. So auch beim Flug von Alexandria nach Dubai. Komplikation: Kein Arzt an Board! Ungewöhnlich. Die durchschnittliche Ärzterate liegt gewöhnlich bei fünf. Der eingebildete Kranke musste deshalb allein auf die Erste-Hilfe-Kenntnisse des metrosexuellen Flugbegleiters vertrauen. Der Schönling eilte zum Notfall-Kit, bewaffnete sich mit einer Sauerstoffflasche, gab dem Kapitän einen Krisenbericht durch (Patient down, aber noch bei Bewusstsein) - und brachte den halb Dahinsiechenden in eine notdürftige stabile Rückenlage. Mehr war dank enger Sitzreihen auch nicht rauszuholen. Brav hielt er die schwarzbesockten Füße des Kranken, fand beruhigende Worte - und war auch nicht ärgerlich gegenüber dem neugierigen Mob, der sich sofort um das Spektakel gerottet hat. (Okay, ich habe auch einen Blick riskiert *g*). Mir tat der Steward etwas leid, denn es war nicht absehbar, wie lange er die Füße würde halten müssen - und der Flug dauerte noch mindestens zwei Stunden. Am Ende gesundete der Notfall wieder - und geriet auch sofort wieder in Vergessenheit. Nur eine Frage bleibt bestehen: Warum gibt es eigentlich Skymarshalls aber keine Skydoctors? Wer hat denn schon einmal unbedingt eine bewaffnete Person an Board gebraucht? Eben. Skydoctors... wäre doch mal ein wirklicher Wettbewerbsvorteil. Nicht nur in den Lüften, sondern auch, falls man flugbrüchig wird...


P.S.: Ich habe einen neuen Freund gewonnen: Abdul Redh aus Kuwait. In einem endlosen Monolog hat er mir von seinen fünf Kindern, seinem "Häuschen" (12 Schlafzimmer, 8 Badezimmer) - und seinen unzähligen Besuchen in Deutschland erzählt. Er drückte mir seine Visitenkarte in die Hand - falls ich jemals nach Kuwait käme..., versicherte mir, die Deutschen seien die Besten - und fand es lustig, dass wir immer "Scheiße!" sagen. Der Opa war echt herzig, wie er so vor sich hingackerte. Zum Abschied drückte er mich auch mal herzhaft an seine Brust, Küsschen rechts, links und großväterlich auf die Stirn. Naja... weil er so nett war, unterstelle ich ihm mal keine unsittlichen Motive. Obwohl es durchaus ungewöhnlich ist, dass ein muslimischer Mann eine fremde Frau berührt. Aber wahrscheinlich hat er mich tatsächlich für seine jüngere Schwester gehalten: Seiner Meinung nach sehe ich nämlich aus wie 45! WAS?

Mittwoch, 17. November 2010

Salat und Blutbad

Wieder einmal Opferfest - aber dieses Mal war ich dabei. Asmaa (meine Arabischlehrerin) hat mich zu ihrer Familie mitgenommen. Schon um 6 Uhr heute Morgen war ich unterwegs zu ihr. 30 Minuten später war ich voll integriert: Hatte ein Kopftuch an, saß mit den anderen auf der Straße, sah den Sonnenaufgang und wartete darauf, dass das Morgengebet beginnt. 

Definitiv kein Look für die Ewigkeit ;)
Ich habe sogar mitgebetet. Eigentlich ganz leicht. Die Bewegungen sind einfach. Und weil man sowieso am häufigsten „allahu akbar“ sagt, wirkt es gleich so, als habe man das schon öfter getan. 
Im Gegensatz zu ewig langen Kirchenpredigten, war es auch ruck-zuck vorbei. Die meisten Damen erhoben sich sofort und stürmten nach Hause (wohl zurück an den Herd *g*). Wir hörten noch die Predigt (natürlich habe ich nichts verstanden, aber Asmaa hat mir Teile übersetzt). Es ging um Abraham - klar. Schließlich ist die Opferung ja ein Nachspielen dieser Bibel- ähm... Koranpassage. :)
Anschließend hat sich jeder „Kol sana we enti tayeba“ gewünscht. Dann ging‘s weiter zur Frau des Scheichs, die wohl hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass in Asmaas Viertel so viele Frauen Niqab tragen. Allerdings schien sie dennoch sehr beliebt. Und auch mich hat sie zur Begrüßung geknutscht. Natürlich würde ich sie auf der Straße nie wiedererkennen. ;)
Im Gegensatz zu meinen Erwartungen: Auch dieses Jahr kein Blutbad vor den Haustüren. Kein Schaf war zu sehen! Stellte sich heraus, dass Asmaas Stadtteil eher arm ist und sich Familien darum an einer Kuh beteiligen, weil sie sich kein eigenes Schaf leisten können. Ein Schaf kostet übrigens rund 1.500 L.E. Ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass die ägyptische Regierung neulich erst diskutiert hat, ob der Mindestlohn besser 200 L.E oder 400 L.E betragen sollte. Etwas enttäuscht war ich schon - vor allem, weil selbst trotz nachfragen niemand wusste, wer wo ein Schaf besaß. Und der Scheich - der einzige, der bestimmt eines hatte - wollte nicht, dass ich beim Schlachten zusehe. Ich könne die Opferung als grausam auslegen und das Ganze missverstehen... 
Hatte mich deshalb schon halb damit abgefunden, dass ich schon wieder nix mitbekommen würde. Aber ich fand es andererseits auch beruhigend zu wissen, dass es auch ganze Stadtviertel gibt, wo keine Blutströme die Straßen unbegehbar machen. 

Zum Frühstück wurde ich auch eingeladen. Man war zwar überrascht, dass ich Vegetarierin bin. Aber es wurde direkt akzeptiert. Das traditionelle Frühstück zum Opferfest ist nämlich „Fatta“: Rindfleisch mit Tomaten auf Reis & Brot. Muss gut sein, denn schon die Beilagen mit der Fleischsoße haben super geschmeckt (hmm... Fleischsoße *g*). Dazu schaut man die Hagg im Fernsehen.

Das Fleisch im Gericht kommt übrigens nicht direkt von den geschlachteten Tieren, wie ich zuerst angenommen hatte. Das Fleisch soll man mit der Hand essen, für den Rest darf man auch Besteck benutzen (sagt Asmaa). Dazu isst man salzige Auberinen.

War alles irgendwie sehr cool. Mir hat es gefallen - und ich kam doch noch zu meinen Blutströmen. Wir haben eine Schlachterei gefunden, in der Hochbetrieb war. Es war weniger grausam als befürchtet. Trotzdem war ich froh, dass ich schon was gegessen hatte. Sah jedenfalls nach einer Menge Arbeit für die Metzger aus. Die schleppen wahrscheinlich Tonnen von Rinderfleisch an einem Tag wie diesem. Sogar die Kinder des Metzgers haben gewässert und gehäutet, was das Zeug hielt. 



Die beiden haben vier Kühe gehäutet - allein in der Zeit, als wir zugesehen haben!
Die linke Kuh wusste, was ihr blüht und wollte sich die ganze Zeit losreißen. Die rechte war wohl Fatalist und hatte sich schon früh in ihr Schicksal gefügt. Immerhin war der Metzger-Boss gnädig: Zuerst wollten sie die rechte Kuh vor der anderen schlachten. Der Chef hat aber dann die andere auch noch geholt, damit sie nicht noch verrückter wird.

Tja...  Killing me softly ist anders. Aber es ging dennoch schneller als erwartet. Zumindest für die rechte Kuh... Etwas irritierend: Die "allahu akbar"-Rufe der Kinder. Wirkte makaber.






Wer will, kann sich ja das Video anschauen. Aber Vorsicht: BLUTIG! 
Zwei Kühe werden geschlachtet

Und nach dem Frühstück bis zum Nachmittag regieren im Fathalla die Kids. Alle Kinder - auch ziemlich kleine - treffen sich dort, um ihre Geldgeschenke in Süßigkeiten umzutauschen. Hunderte rannten alleine im Supermarkt bei mir im Haus rum.