28.01.2011
11 Uhr
Freitag - der von der Regierung gefürchtete. In allen Zeitung stand es: Nach einer Woche kleinerer und größerer Anti-Regierungs-Demos in Kairo, Alexandria und Suez werden heute nach dem Freitagsgebet weitere (und umfangreichere) Proteste befürchtet.
Vom Balkon aus sieht man mal vor unserer Moschee keine ungewöhnliche Polizeipräsenz (wie damals, als Mubarak zur OP in Heidelberg war). Aber seit heute Morgen gehen weder Internet, Handys noch Festnetz. Chris hat sich entschieden vor dem Freitagsgebet zum Flughafen zu fahren. Seltsames Gefühl irgendwie, wenn man sich gegenseitig nicht mehr erreichen könnte. Habe ihm mein „Phrasebook of Egyptian Arabic“ mitgegeben. Damit er sich verständigen kann, wenn er von der Polizei aufgehalten wird. Bin mal gespannt, ob man heute auch in Alex spürt, dass der Revolutionsgedanke auf Ägypten übergesprungen ist.
14 Uhr
Immer noch keine Kommunikation möglich. Die Straßen sind (bei uns) ruhig.
20.30 Uhr
Es tut sich was. Leider kann ich von meinem Balkon aus nur wenig sehen, aber scheinbar hat sich eine größere Menschenmenge vor der Polizeistation an der Straße gesammelt. Außer aufgewühltem Herumrennen und tumultartigen Geräuschen ist allerdings bisher nichts passiert. Auch kein Polizeiaufgebot - was ja immer gut ist. Nicht, dass es noch zu einer Straßenschlacht kommt.
Das Netz ist noch immer blockiert. Es nervt, wenn man niemanden anrufen kann.
29.01.11
15 Uhr
Chris kam endlich mal telefonisch durch - und da ich ja bisher ohne Nachrichten war, weiß ich auch mal, was hier so abgeht. Es gab gestern Nacht mehrere Straßenschlachten mit der Polizei in der Innenstadt. Ca. 30 Tote und mehrere Verletzte (allein in Alexandria!). Der Gouverneurspalast wurde angezündet. Die meisten Polizeiwachen gestürmt und niedergebrannt. Plünderungen sind angesagt für heute Abend (angeblich spricht man sich schon ab, wo Ausländer wohnen, die man ausrauben kann - aber ich halte das für ein Gerücht). Ausgangssperre ab 16 Uhr (gestern war übrigens auch eine - ab 18 Uhr - von der hatte ich gar nichts gewusst). Egypt Air hat gestern Mittag den Betrieb eingestellt. Lufthansa fliegt auch nicht mehr. Und Chris ist auf dem Weg zum Flughafen an brennenden Barrikaden vorbei gefahren!
Alles irgendwie sehr spannend - obwohl ich überhaupt nichts mitkriege in meinem Elfenbeinturm (vielleicht hätte ich den Fernseher doch behalten sollen - schlechter Empfang ist immer noch besser als gar kein Empfang). Bei uns in der Gegend war es ruhig(er). Bis auf die kleine Demo gestern war alles zahm. Doch heute soll das Militär durchgreifen. Sandra sagt, dass das Meer voller Militärschiffe ist (ich kann keine sehen). Sie hat mir angeboten, dass ich mich mit ihnen in Gleem verbarrikadiere. Aber ich denke, dass es außerhalb vom Krisengebiet sicherer ist und in diesem Fall „safety in numbers“ nicht zählt. Wünschte nur, dass mein Internet funktionierte. Und vielleicht ziehe ich mich mal richtig an. Nur für den Fall, dass ich heute Abend vor Plünderern fliehen muss. Überlege schon, was das Schlimmste ist, was sie mir klauen können. Saxophon, Gitarre oder Computer? Hm....
Eigentlich ist Ausgangssperre. Aber die Straßen sind deutlich voller als gestern Nacht. Und: Die Leute wirken, als würden sie sich auf einen Kampf vorbereiten. Jeder holt den Schäferhund vom Dach, Männer bewaffnen sich mit Eisenstangen. Die Frage ist nur: Wo ziehen sie hin, um sich zu prügeln?
16.45 Uhr
Wenn mich nicht alles täuscht, dann bereiten die sich nicht auf eine Demo vor, sondern darauf, ihre Häuser zu bewachen. Scheint so, als befürchte jeder Plünderungen. Und ich wohne in dem Haus, in dem der Fathalla ist. Ein Hauptangriffsziel? Geschäfte werden wohl eher geplündert als Wohnungen.
17 Uhr
| Unsere Bürgerwehr formiert sich |
17 Uhr
Okay... Stöcke und Schäferhunde waren scheinbar sooo five-minutes ago. Die ersten haben Macheten und Hackbeile in der Hand. Spannend. Ich sollte mich anziehen, falls ich rausrennen muss. Aber ob wirklich jemand ins Haus kommt? Das scheint mir alles so unwahrscheinlich. Schließlich geht es doch um die Regierung. Andererseits: Hass gegen etwas Bestimmtes kann sehr schnell auf Hass gegen alles umschlagen. Ich wünschte, ich könnte auch einen Schäferhund vom Dach holen. Ziehe mir am besten ein Kopftuch an, damit man mich nicht gleich als Ausländerin erkennt auf dem Balkon.
Die Bürgerwehr ist wieder verschwunden. Vielleicht zum Gebet? Gerade läuft die Rede von einem Iman. Verstehe zwar nichts, aber es wirkt, als würde er den Leuten ins Gewissen reden. Cynthia hat angerufen und erzählt, dass letzte Nacht viele Geschäfte im Carrefour Citycenter geplündert wurden. Überlege, ob ich die Kommode vor die Tür schieben soll. Aber dann komme ich auch nicht so schnell aus der Tür, falls ich weglaufen muss. Hmm... Chris meint, ich solle nach Dubai flüchten (natürlich erst die nächsten Tage). Aber das erscheint mir überreagiert. Allerdings habe ich auch keinen Zugang zu Nachrichten. Vielleicht wäre das genau die richtige Reaktion. Wann geht endlich das Internet wieder?
20.30 Uhr
Sandra hat mich mit Neuigkeiten versorgt: In Gleem wird scharf geschossen. Und San Stefano wird wohl grade geplündert. Auf der Straße schreien Frauen um Hilfe, aber keiner kann helfen. War wohl eine gute Entscheidung hier zu bleiben, auch wenn ich keine Nachrichten mitkriege. Sandra hörte sich ganz schön verängstigt an. In den Nachrichten laufen wohl die reinsten Horrormeldungen. Ich habe noch keine Angst. Ignorance is bliss.
21 Uhr
Okay. Ich höre jetzt auch Schüsse. Ich schau mal auf dem Balkon nach.
- Man sieht nichts, aber es klingt, als kämen die Schüsse näher. Es ist erst neun! Das wird eine lange Nacht. Telefone funktionieren schon wieder nicht! Ich werde jetzt mal die Kommode vor die Tür schieben. - So. Erledigt. Aber ob das viel Unterschied macht? Es ist nur die Hälfte der Tür wirklich durch die Kommode blockiert. Wer hätte gedacht, dass ich mich mal wo verbarrikadieren muss. Es werden übrigens mehr Schüsse.
21.20 Uhr
Durchsagen aus den Moschee-Lautsprechern. Ich hätte besser Arabisch lernen sollen. Was wohl genau gesagt wird?
Geschrei auf der Straße. Ich schau mal nach! - Wildes Herumrennen vor der Tür. Leute wetzen Messer und schreien. Warum ist mir nicht ganz klar. Es sieht immer noch so aus, als seien nur Menschen aus unserer Straße vor der Tür, um die Häuser zu bewachen. Ich glaub, ich mach mich mal soweit fertig, dass ich eventuell auch kampfbereit bin. ;)
22.30 Uhr
Werde langsam ins Bett gehen. Werde angezogen schlafen - für den Fall der Fälle. Und heute mal ohne Ohrenstöpsel, damit ich höre, wenn draußen etwas Seltsames passiert. Die Schüsse haben sich weiter entfernt. Die Bürgerwehr steht draußen. Mehr kann ich jetzt sowieso nicht tun. Morgen weiß man mehr. Hoffentlich tritt Mubarak schnell zurück.
11.30 Uhr
Nagwa ist hier. Das Internet funktioniert immer noch nicht. Aber die Nacht war soweit ruhig (in meinem Haus). Werde mal herausfinden, wie es anderswo war.
Mit Sandra telefoniert: Sie ist nach Agamy gefahren. Am Straßenrand bewaffnete Leute. Sie wollen nach Borg al Arab und den nächsten Flug raus nehmen. Der Fahrer ist leider schon los, sonst wäre ich mit. Hauptproblem: Es gibt nirgendwo mehr Geld. Fahrer verlangen (laut Sandra) Unsummen, wenn sie überhaupt fahren. Keiner traut sich mehr auf nicht gesicherte Strecken, weil man dann sein Auto geklaut bekommt oder schlimmeres. Auf der Wüstenstraße nach Kairo sind die Zustände noch krasser. Scheinbar hat der Polizei-Minister aus Rache die Gefängnisse geöffnet (sagt Nagwa). Auf der Wüstenstraße werden Busse überfallen. Es wurden Tote am Straßenrand gesehen (sagt Thomas).
13.30 Uhr
War eben draußen um eventuell Geld zu bekommen (schön mit Kopftuch getarnt. Und ich finde dafür, dass ich es selbst gebunden habe, ist es ganz gut geworden *g*).
Die Banken sind natürlich geschlossen, der Fathalla auch - und auch der Geldautomat im Sheraton funktioniert nicht. Die Polizeistation um die Ecke wurde niedergebrannt. Vor dem Montaza-Park stehen Panzer und Soldaten. Auch an unserer Straße steht inzwischen das Militär (und wird munter fotografiert - auch von mir *g*).
Hoffentlich stabilisiert sich die Lage oder ich sitze hier fest. Ganz ohne Geld bin ich Gott sei Dank nicht, weil ich Dina mal ein Stück Gold abgekauft hatte. Wert ca. 2000 L.E. Außerdem habe ich noch 300 Pfund Bargeld - allerdings in großen Scheinen, die auch nichts nutzen, denn ich glaube kaum, dass mir jemand in einem kleinen Geschäft einen solchen Schein wechseln wird. Das Internet soll angeblich im Laufe des Tages wieder funktionieren (sagt Emans Vater Sherif). Bis jetzt tut sich aber nichts. Ab 16 Uhr ist noch mal Ausgangssperre.
Die Banken sind natürlich geschlossen, der Fathalla auch - und auch der Geldautomat im Sheraton funktioniert nicht. Die Polizeistation um die Ecke wurde niedergebrannt. Vor dem Montaza-Park stehen Panzer und Soldaten. Auch an unserer Straße steht inzwischen das Militär (und wird munter fotografiert - auch von mir *g*).
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| Vor unserer Straße steht seit heute ein Panzer. Der Neuankömmling hat es bereits jetzt unter die 100 beliebtesten Fotomotive Alexandrias geschafft. |
Hoffentlich stabilisiert sich die Lage oder ich sitze hier fest. Ganz ohne Geld bin ich Gott sei Dank nicht, weil ich Dina mal ein Stück Gold abgekauft hatte. Wert ca. 2000 L.E. Außerdem habe ich noch 300 Pfund Bargeld - allerdings in großen Scheinen, die auch nichts nutzen, denn ich glaube kaum, dass mir jemand in einem kleinen Geschäft einen solchen Schein wechseln wird. Das Internet soll angeblich im Laufe des Tages wieder funktionieren (sagt Emans Vater Sherif). Bis jetzt tut sich aber nichts. Ab 16 Uhr ist noch mal Ausgangssperre.
Nagwa hat erzählt, dass Omar (der Sohn von Dina) vergangene Nacht auf seiner Straße Wache stand. Sie haben fünf Räuber dem Militär übergeben. Arme, arme Dina. Sie wird sich wohl sehr viele Sorgen um ihre Kinder machen. Und Barbara um ihren Mann. In Notzeiten ist man am besten am selben Ort, finde ich.
Da ich sowieso nichts tun kann, werde ich lesen und arbeiten und fernsehen. Insha‘allah ist morgen das Gröbste vorbei. Entweder das - oder die Lage verschärft sich. Wie auch immer: Ich hänge hier fest.
16.15 Uhr
Liesel hat angerufen. Und auch Michael aka "The Dad". Haben gefragt, ob es mir gut geht. Leider kann ich nicht lange telefonieren, denn mein Guthaben ist am Schwinden - und neue Karten gibt's gerade nirgendwo zu kaufen. Chris drängt, dass ich das Land verlasse. Aber mit welchem Fahrer? Habe jetzt bei Sally angerufen. Sie meint, sie könne vielleicht einen Fahrer für morgen finden.
In meinem Stadtviertel ist es so ruhig, dass ich die Panikmache nicht nachvollziehen kann. Allerdings fangen sogar die Botschaften an, ihr Personal abzuziehen (sagt Christian). Wasser- und Stromversorgung sind eventuell unsicher, also mache ich jetzt mal das 101 der Notversorgung: Habe die Badewanne voll Wasser laufen lassen; den Trinkwasserfilter ausgewechselt (siffte bereits seit Monaten vor sich hin); dann alle verfügbaren Flaschen mit Trinkwasser aufgefüllt; Kerzen bereitgestellt. Essen habe ich noch für ca. 2 Wochen. Aber Essen kann ich ja auch unten kaufen - zwar nicht im Fathalla aber auf der Straße. Werde jetzt mal meine Siebensachen packen. Falls ich für morgen einen Flieger bekommen kann. Die Notfall-Nummer der Botschaft hat übrigens nicht funktioniert - und auf der anderen Nummer geht keiner ran. Alles Mist. Wenn wenigstens das Internet wieder funktionieren würde, dann wüsste ich was tun. Wie ernst soll man das mit den Plünderern nehmen? Falls eine echte Gefahr auch in unserem Viertel besteht, sollten die unten auf jeden Fall mit Autos eine Straßensperre errichten. Einfach nur Wache halten ist bei einer Bandengröße von bis zu 200 Menschen nicht effektiv. Hmm... Werde mal alle Wertsachen, die ich hier lassen muss, auf dem Schrank und unter dem Bett deponieren. Vielleicht sieht sie dort keiner.
16.30 Uhr
So - einen Fahrer hätte ich, der bereit wäre, mich für 150 L.E. zu einem der beiden Flughäfen zu bringen. Jetzt brauche ich nur noch die Bestätigung von Chris, dass auch ein Flug zu haben ist - und dann bin ich ebenfalls weg aus dem Krisengebiet.
- Auf der Straße gibt es schon die ersten Zankereien unter den Anwohnern. Anscheinend ist es nicht die beste Idee, verängstigten Menschen auf Adrenalin eine Waffe in die Hand zu drücken.
22 Uhr
Panzer patroullieren durch die Straßen. Schon seltsam, dass man direkt am Geräusch erkennt, dass ein Panzer durch die Straße fährt - auch wenn man noch nie zuvor einen durch Straßen fahrenden Panzer gehört hat.
Es ist wesentlich ruhiger als gestern. Alle gehen davon aus, dass sich die Lage entspannt (alle = Asmaa, Sally, Nagwa, Cynthia). Ich werde das - Insha‘allah - nur aus dem Ausland beobachten können, denn der Flug nach Frankfurt (über Dubai) ist gebucht.
Eben hat der Fahrer angerufen, der den Preis nachverhandeln wollte. Dabei kriegt er schon das Dreifache für die Strecke. Verständlich, dass er es versucht. Sally hat das für mich geregelt (angeblich gibt es kaum noch Benzin). Aber ich gebe dem Fahrer bereits die Hälfte meines Geldes. Den Rest brauche ich, um eventuell andere auf meinem Weg aus dem Land zu bestechen.
Es ist wesentlich ruhiger als gestern. Alle gehen davon aus, dass sich die Lage entspannt (alle = Asmaa, Sally, Nagwa, Cynthia). Ich werde das - Insha‘allah - nur aus dem Ausland beobachten können, denn der Flug nach Frankfurt (über Dubai) ist gebucht.
Eben hat der Fahrer angerufen, der den Preis nachverhandeln wollte. Dabei kriegt er schon das Dreifache für die Strecke. Verständlich, dass er es versucht. Sally hat das für mich geregelt (angeblich gibt es kaum noch Benzin). Aber ich gebe dem Fahrer bereits die Hälfte meines Geldes. Den Rest brauche ich, um eventuell andere auf meinem Weg aus dem Land zu bestechen.
0 Uhr
Deutlich mehr und nähere Schüsse zu hören als letzte Nacht. So kommt es mir jedenfalls vor. Vielleicht fühle ich mich auch nur weniger sicher, weil heute keine Bürgerwehr mehr auf der Straße ist - zumindest nicht in dem Maße wie gestern. Wetter wird auch schlechter. Ab und an schreit wer. Ich höre Panzer auf der Straße herumfahren. Und angeblich ist die Polizei unterwegs - weswegen wohl auch alle anderen verschwunden sind. Denn was man hier so über die Polizei mitkriegt, lässt einen nicht unbedingt ruhiger schlafen. Polizei = der Feind. Um das zu raffen, braucht man sich hier nicht lange aufzuhalten. Allein in der Zeit als ich in der Stadt war, haben sie drei Jungs zu Tode gefoltert und auf die Straße geworfen wie Abfall. Ich traue den Straßenbewohnern mehr. Vielleicht ist es einfach auch nur zu ruhig. Gespenstig ruhig (außer Schüsse und Panzer und Geschrei... es fehlen hupende Autos, Musik aus übersteuerten Lautsprechern, Geplapper auf den Straßen und die obligatorische Hochzeit um die Ecke). Wer weiß, aber irgendwie wirkt es heute mehr wie Ruhe vor dem Sturm als wirkliche Ruhe. Das verunsichert mich. Noch eine Nacht... wird schon gut gehen. Morgen bin ich hier raus.




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