Samstag, 28. Mai 2011

Grenzerfahrungen

Eine gute Sache hat sich gerächt. Wer als Deutscher über Dubai in den Oman kommt, braucht am Flughafen kein Touristen-Visum kaufen, sondern kann ein Dubai-Visum bekommen. Das ist kostenlos. Und man spart 20,00 RO. Viele wissen das nicht. Ich wusste es und bin gleich mal gebührenfrei ins Land. Aber auch ich wusste etwas nicht: Dieses Visum kann im Gegensatz zum Touristen-Visum nicht im Land verlängert werden. Und es gilt nicht vier Wochen, sondern nur drei!


Den Stempel, den ich hatte - deutlich zu sehen: nur 3 Wochen gültig!
Das Touristen-Visum, das ich besser gehabt hätte, sieht so aus.


Herausgefunden habe ich das so: Mein Visum musste verlängert werden. Wie immer habe ich bis auf den letzten Drücker gewartet. In meinem Fall nahm ich an, der letzte Drücker wäre einen Monat nach Einreise. Bei Muriya sagte man mir, ich könne das Visum einfach am Flughafen verlängern. Tatsächlich gibt es dort einen Schalter. Sehr praktisch. Der Schock: Der Beamte hinter dem Schalter wollte mir das Visum nicht verlängern, weil er nur Touristen-Visa verlängern könne und das sei keins. Auf meine Frage, was ich jetzt tun solle, es sei doch nur ein Stempel, ob er nichts machen könne, seine stoische Antwort: „Sie müssen aus- und wieder einreisen!“ Hört sich simpel an - wenn man sich in der Nähe einer Grenze befindet. Doch die Grenze zu Dubai ist vier Stunden von Maskat entfernt! Und ich war erst vier Wochen in Maskat und froh, dass ich den Weg zum Flughafen unfallfrei gefunden hatte. 
Alles argumentieren und selbst ein zaghafter Bestechungsversuch brachten mich nicht weiter. Panik stieg in mir hoch. Zur Grenze fahren? In einem wildfremden Land? Durch die Wüste (keine Ahnung, warum ich dachte, ich müsse durch die Wüste fahren *g*)?
Hinter mir stand ein Brite, der meine Verzweiflung spürte (ich blockierte auch lange genug den Schalter und redete auf den Beamten ein!). Er riet mir, zum Ministry for Immigration zu fahren und dort mit weiblichem Charme und etwas Kleingeld mein Glück zu versuchen. Er beschrieb mir grob den Weg - und mehr durch Zufall stand ich 10 Autominuten später und ohne mich verfahren zu haben genau vor dem richtigen Gebäude. Wie mir zwei hilfsbereite Pakistani durch Gesten zu verstehen gaben, denn ich hatte beschlossen aufgrund der Vielzahl der Ministerien im Stadtteil As Seeb doch lieber mal nachzufragen. Wie alle Ämter war auch dieses Ministerium ein Haus, das Verrückte macht. Allein auf der Suche nach dem Schalter für Touristenvisa wurde ich bei jeder Nachfrage angewiesen „to the back building“ zu gehen. Als ich am allerletzten Gebäude auf dem Gelände angekommen war, wurde ich wieder nach vorne geschickt. 
Kurz vor dem Nervenzusammenbruch fand ich endlich einen Schalter, von dem man mich nicht mit „go to the back building“ wegschickte. Helfen wollte mir die Dame hinter dem Schalter jedoch auch nicht. Sie wies mich an, zur Grenze zu fahren. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass ich den Weg zur Grenze nicht kenne und alleine auch nicht fahren wolle und fragte, ob es keine andere Möglichkeit gäbe, den Pass zu stempeln. Es sei doch nur ein Stempel und dafür eine mindestens 8-stündige Autofahrt auf mich zu nehmen erschien mir mehr als unnötig. Die Frau neben mir versuchte es mit einem konstruktiven „Es fährt auch ein Bus.“ Am Zeitaufwand für die Fahrt schien sich keiner zu stören. Mein Kampfgeist war sowieso durch die Hitze und die nervtötende Suche nach dem richtigen Schalter gebrochen. Also fügte ich mich in mein Schicksal und schleppte mich aus dem Gebäude. 


Die Tatsache, dass es bereits nach 13 Uhr war, ließ meine Laune nicht gerade besser werden. Da ich aber am Flughafen mit Schrecken gemerkt hatte, dass ich schon zehn Tage über der erlaubten Aufenthaltsdauer war (ich hatte bei der Einreise nicht in den Pass geschaut und schlicht angenommen, das Visum gelte vier Wochen), traute ich mich nicht, erst am nächsten Tag zu fahren. Denn in dem Moment, als ich sah, dass ich überfällig bin, fiel mir prompt ein, dass Nancy erwähnt hatte, man müsse pro überzogenem Tag 50,00 RO bezahlen müsse (in Wahrheit sind es nur 10,00 RO... und man hat zusätzlich eine gewisse Kulanzzeit). 


Ich musste also herausfinden, wie man von Maskat nach Dubai kommt. Erste Idee: Im nächsten Coffee Shop nachfragen. Dort konnte man mir nicht helfen. Idee Nr. 2: Den nächsten Omani auf dem Parkplatz fragen. Er sagte mir, ich müsse nach Sohar (was auch richtig ist). Also fragte ich, wie man nach Sohar käme. Er fing an, mir zu erklären, dass ich zurück zum Flughafen fahren müsse (denn von dort geht‘s nach Sohar). Ich merkte an, dass ich das bereits wisse und versuchte es mit malen. Ich zeichnete auf meinen Notizblock die Autobahn, den Flughafen und einen Pfeil. Hinter den Pfeil schrieb ich Muttrah - um zu zeigen von wo ich gekommen war und dass ich wisse, wo der Flughafen ist. Allerdings war das ein Fehler, denn der Omani erklärte mir nun nicht mehr den Weg nach Sohar oder von Sohar nach Dubai, sondern wollte unbedingt alle Stadtteile aufzählen, die zwischen Muttrah und dem Flughafen liegen. Mir wurde klar, dass das Gespräch eine Sackgasse war. Ich bedankte mich und rief Abdullah an. Warum ich das nicht gleich gemacht habe, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich Telefonieren hasse. 
Abdullahs Wegbeschreibung war schon besser. Einfach die Straße geradeaus bis nach Sohar. Und in Sohar geht‘s irgendwann links. Simpel. Ich machte mich also auf die Reise zur Grenze. 


War eigentlich wirklich ganz easy. Denn es führt eine Autobahn schnurstracks von Maskat nach Sohar. Keine verlassene Wüste musste durchquert werden. Eigentlich ging es mehr oder weniger am Meer entlang. Immer geradeaus - ewig. 
Während der Fahrt fiel es mir schwer, meine Aggressionen zu unterdrücken, die die „Fahrkünste“ der Omani in mir auslösten: Sie überholen in unberechenbaren Rechts-Links-Kombinationen (erst später klärte mich Chris auf, dass in den meisten Ländern das Rechtsüberholen erlaubt ist). Ständig wird man mit Lichthupe oder nur mit Hupe aufgefordert, die Spur zu wechseln, weil man zu langsam fährt. Wenn man nicht direkt weicht, wird man vom Hintermann praktisch angeschoben. Dabei ist die Höchstgeschwindigkeit auf allen Straßen 120 km/h! Die Bedeutung des Beschleunigungsstreifens ist den Omani unbekannt. Wenn, dann wird er eher als Anschleichstreifen interpretiert. Zusätzlich muss man höllisch aufpassen, weil ständig Fußgänger die Autobahn überqueren. Selbst sechs Spuren können sie davon nicht abhalten, gemütlich auf die andere Seite zu spazieren. Auf der Hinfahrt war das ja schon gefährlich. Auf der Rückfahrt bekam ich Kopfschmerzen, weil ich versuchte, schwarz gekleidete, dunkelhäutige Menschen in den Weiten der Nacht rechtzeitig zu erkennen! 


Unterwegs gab‘s viel zu sehen: Eine Wendeltreppe, die als Ganzes transportiert wurde. Ein schrottreifes Auto, das mit offenen Türen auf dem Abschleppwagen stand und an dem deswegen keine anderen großen Fahrzeuge vorbei fahren konnten. Und in Sohar dann die „Revolution“: Panzer, Soldaten, die Zelte der Demonstranten und den ausgebrannten Lulu-Hypermarket.


Weil ich nett bin, hab ich unterwegs sogar eine trampende alte Dame mitgenommen - was ich jedoch sofort bereute, als sie anfing, sich im Auto die Hornhaut abzupopeln, mein Essen wollte und annahm ich würde sie bis vor ihre Haustür fahren.  


Irgendwie, ich weiß nicht wie, habe ich es an die Grenze geschafft. Nach viereinhalb Stunden Fahrt, kam ich endlich an den einsamen (allerdings beeindruckend großen) Posten in den Bergen. Gedränge gab es keins. Und der Grenzwächter, dem ich meine ganze Misere durchs Fenster geklagt habe, war sehr freundlich. Er hat mir einfach einen Stempel in den Pass gehauen, Geld wollte er keins - und Schritt 1 der Aktion, nämlich die Ausreise, war geglückt. Ohne dass ich ein Vermögen lassen musste. Ich war erleichtert. Bis zum Grenzposten Dubai ging‘s weitere drei Kilometer die Bergstraße entlang. Im Gegensatz zu den Omani hatten die UEA nur einen schmucklosen Bunker aufgebaut. 
Geschafft - Ankunft im gelobten Land!
Eine Straße in den Bergen - ohne schönes, weites Meer 


Da ich wusste, dass ich den Mietwagen nicht über die Grenze nehmen durfte, parkte ich und stellte mich ohne Auto in die Autoreihe. Der Mann am Schalter zeigte gnädig auf ein Gebäude, ehe ich zuviel Auspuffgase schnuppern konnte. Dort bekam ich meinen Einreise-Stempel. Der Mann am Ausreise-Schalter (ein Bunker auf der anderen Straßenseite) schaute leicht irritiert, als er sah, dass mein Einreise-Stempel noch nicht mal richtig trocken war. Aber er sagte nichts weiter und stempelte brav. Ich fuhr zurück in den Oman und wurde bei der Wiedereinreise prompt gefragt, ob ich denn einen Fahrzeugbrief habe. Ich versuchte zu erklären, dass ich das Auto nicht über die Grenze gefahren hätte. Als niemand mich verstehen wollte, wiederholte ich immer nur „company car“. Wahrscheinlich dachte sich der Grenzwächter, dass ein weiteres Gespräch sowieso keinen Sinn habe und winkte mich durch (natürlich nicht, ohne vorher den Wagen zu durchsuchen *g*). Mit einem Touristen-Visum und damit dem vierten Stempel des Tages machte ich mich auf den Rückweg und erreichte „nur“ 11,5 Stunden nach meiner Abfahrt vom Ministerium endlich mein Bett. Das ist damit meine längste Autofahrt an einem Tag!


Was können wir aus dieser Geschichte lernen? Aufpassen, welches Visum man hat! Das kostenlose Dubai-Visum ist nur dann sinnvoll, wenn man maximal drei Wochen im Land bleiben möchte. Es kann nämlich nicht im Land verlängert werden. Das Touristen-Visum (4 Wochen gültig) kostet zwar 20,00 RO - dafür lässt es sich problemlos am Schalter im Flughafen um einen Monat verlängern (Verlängerung kostet ebenfalls 20,00 RO). Öffnungszeiten des Schalters, der im Abflugbereich des Flughafen Maskat sind: Samstag bis Mittwoch, 8 bis 13 Uhr. 

Nach all den Mühen: Eine weitere vollgestempelte Seite in meinem Pass. Ich mag Stempel :)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen