Sonntag, 29. November 2009

Juchu - die Schule ist zu!

12. November 2009


Seit heute sind wir offiziell geschlossen. Zwei Fälle in unserem Gebäude, zwei an der Schwester-Schule. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir Lehrer frei haben. Aber es ist schön, in Ruhe arbeiten zu können und sich neu zu organisieren. Vorerst ist bis nach dem Opferfest zu. Allerdings weiß ich immer noch nicht so genau, wann das Opferfest eigentlich ist...

Dienstag, 10. November 2009

Aaaahhh - wir werden alle sterben!

Sie ist da: die Rache der Schnitzel. Heute Morgen wurde ich von Dina mit den Worten begrüßt: „In der Play School ist gestern ein Kind H1N1-positiv gewesen. Diese Klasse ist ab heute dicht. Beim zweiten Fall von Schweinegrippe wird die Schule geschlossen.“
Scheinbar war die Angelegenheit auch schon groß in den Nachrichten. Auf dem Schulhof: eine klaffende Lücke, weil die ganze Klasse abwesend war. Wenn das mal nicht Verdacht erregt. Nach der kleinen Pause wurde dann erstmals auch die Lehrer aufgefordert einen Mundschutz zu tragen. Und zur Sicherheit hat man auch den Kindern noch mal Masken in die Hand bzw. ins Gesicht gedrückt. Da es sowieso schon kein Geheimnis mehr war, habe ich - als mich die Kinder also fragten, ob wir Schweinegrippe in der Schule hätten - genickt. Ein schwerer Fehler. Die ersten fingen an zu kreischen, in der Klasse rumzurennen und zu plärren „We will all die!“ Dina kam sofort und sagte: „Miss Andrea is joking.“ - und sie klärte mich darüber auf, dass wir den Kindern natürlich nichts erzählen dürfen, weil sonst Panik ausbricht. Ich ruderte also zurück. Als mich die Schüler erneut fragten, sagte ich, dass wir die Masken bekommen hätten, weil vielleicht Leute vom Ministerium kommen (was ja auch stimmt) - und bis dahin tragen wir Lehrer die Masken so (und hab mir das Ding auf den Kopf gesetzt). Das fanden die meisten komisch und wir konnten mit dem Unterricht beginnen. 
Nach der großen Pause wurden die Reihen lichter. Eltern evakuierten ihre Kids "unauffällig" - zwar brachte uns das in Erklärungsnot, aber es ließ den Unterricht auch sehr angenehm werden , da plötzlich die Gruppen angenehm klein waren. Seltsamer Weise blieben in den meisten Klassen die ungezogenen Kinder weiter in der Schule - vielleicht wollten die Eltern ihr Glück versuchen? Okay, das war jetzt arg. Ich muss hier auch mal was Gutes über meine Gören erzählen. Sie haben sich echt zum Positiven gewandelt! Heute war beispielsweise der erste Tag, an dem ich selbst in meinen beiden schwierigen Klassen richtig Spaß hatte!
Nach dem Unterricht hab ich also direkt mal ein Experiment gestartet: Ich hab auf meine Maske einen Mund mit Vampirzähnen, Nasenlöcher und roten Bäckchen gemalt, hab sie aufgesetzt und bin den Flur entlang gestiefelt. Jetzt bin ich mal gespannt, ob morgen die ersten Kinder mit bunten Masken kommen. Falls die Schule dann noch offen ist. Jedenfalls überlege ich schon, ob ich den Kids den Schweinegrippe-Song beibringe: „Kein Schwein steckt mich an. Keine Sau infiziert sich bei mir.“ Das hebt bestimmt die Stimmung! :-)


Mittwoch, 4. November 2009

She walks in beauty... like the beast

Eines der besten Dinge an Alexandria ist, dass ich hier als exotische Schönheit gelte. Besonders an Tagen, an denen man total zerfleddert vor sich hin schlappt (wirres Haar, zerknitterte Kleider, staubige Brille mit schmierigen Sichtfensterchen, versiffte Schuhe, weil man mal wieder durch ein riesiges Wasserloch waten musste), fühlt es sich an, als wolle einen die ganze Stadt verarschen. Mädchen, die mich mit glasigem Blick und wirrem Grinsen anhimmeln. Kinder, die Fotos mit mir machen wollen. Männer, die mit einem halb geflüsterten „so beautiful“ fast ehrfürchtig an mir vorbeigehen. Schülerinnen, die sich meine Haare wünschen - selbst, wenn sie gerade wie ein Mop aussehen. 
Auch wenn mittlerweile die „Welcome to Egypt“-Rufe ein wenig lästig werden: Ich fühle mich noch immer sehr willkommen. Und wenn dann ein Autofahrer höflich bremst, um der attraktiven Ausländerin im mörderischen Verkehr eine Überlebenschance zu geben, dann weiß man die „power of attraction“ wieder zu schätzen. Natürlich gibt es auch jene, die Gas geben, sobald ich die Straße betrete. Aber das kommt eher selten vor und ich nehme es nicht persönlich. Wie heißt es doch so tiefsinnig auf einem Plakat in unserer Schule „You have to take the bad with the good“.
Was die Arbeit betrifft, muss ich sehr viel „bad“ für das bisschen „good“ hinnehmen. Aber ich mag die kleinen Monster inzwischen irgendwie. Auch wenn heute mein spezieller Freund Adham Mohamed mit zerknülltem Papier nach mir geworfen hat. Seine kongeniale Ausrede: „Ich habe versucht den Papierkorb zu treffen.“ (Irgendwie kommt mir die Ausrede bekannt vor - nur das ICH damals wirklich meinen Schwarm Jan treffen wollte und nicht das Haar der Englischlehrerin). Dass der Papierkorb in einer anderen Ecke stand als ich, schien Adham dabei nicht zu irritieren. Mich aber schon. Dafür sitzt er am Sonntag mit mir Strafe anstatt in den Sportunterricht zu gehen. Ebenso wie mein zweites Schätzchen Brillen-Youssef, der immer laut und aufständisch ist. Und so ist das Gleichgewicht in der Welt wieder hergestellt. Spätestens dann werden beide ihr „I‘m sorry Miss!“ auch wirklich ernst meinen.

Work, work, work

30. Oktober 2009


Die Arbeit nimmt am Monatsende leider kein Ende. Die ersten Tests wurden am Dienstag und Mittwoch geschrieben. Für mich bedeutet das: Ich musste ca. 200 Arbeiten korrigieren und zensieren. Korrigiert ist mittlerweile alles - und die Kinder wussten leider weniger als erhofft. In der Klassenstufe 4 muss wohl ein Vokabeltest geschrieben werden, damit sich die Kids verbessern können. Einige hatten bei „Stelle dich kurz vor“ doch tatsächlich die drei Zeilen darunter mit „Stelle dich vor, Stelle dich vor, Stelle dich vor“ vollgeschrieben. Dabei hatte ich ausführlich auf Englisch erklärt, was zu tun sei. Andere haben gar nichts geschrieben - überhaupt nichts (außer ihren Namen). Etwa zehn Kinder brachen in Tränen aus und waren nicht mehr zu beruhigen. Vielleicht hätte ich doch keine Schreibschrift als Schriftart wählen sollen... 
Drei Eltern haben bereits in der Schule angerufen, weil der Test zu schwer war. Natürlich die Eltern der Kinder, die überhaupt nicht zugehört haben, als ich erklärte - und sogar währenddessen den Unterricht so sehr störten, dass ich in zwei Klassen den Test vorzeitig einsammelte, weil die Kinder zu laut waren (worüber ich die Erzeuger gleich mal am Telefon ausführlich aufgeklärt habe... was wortreiche Entschuldigungen über das Verhalten ihrer Sprösslinge hervorrief). Irgendwie sind Kinder sehr schwer einzuschätzen. Der Test der Klasse 4 kam mir beim Aufsetzen so leicht vor, dass er mir fast peinlich war. Beim Test der Klasse 5 hatte ich bedenken, ob die Kinder das in einer Stunde schaffen. In real life waren die Viertklässler sichtbar überfordert - und die Fünftklässler zum Großteil in zehn Minuten fertig. Zum Lehrersein gehört vor allem eines: viel Erfahrung!

Workshop mit Hindernissen

22. bis 24. Oktober 2009 


Ein Workshop! Yippie! Drei Nächte durfte ich in der ägyptischen Hauptstadt verbringen und alles Nützliche zum „Deutschen Sprachdiplom“ erfahren. Natürlich war die Reise mit kleineren Hürden ausgespickt. 

  • Für mich war irgendwie kein Hotel da gewesen. Also musste ich mich allein um ein Zimmer kümmern (wobei mich Barbara unterstützt hat). Als einzige war ich im Hotel Longchamps untergebracht - wie sich später herausstellen sollte, eine glückliche Fügung. Denn die Besitzerin war super nett und ich brauchte nur fünf Minuten zum Gebäude des DAAD, wo unser Workshop stattfand.
  • Ich hatte meinen Personalausweis mit - nicht meinen Reisepass (was mir natürlich erst kurz vor Kairo auffiel). 
  • Ich hatte den Zettel mit dem Namen meines Hotels in meiner Schultasche vergessen. Immerhin hatte ich die Telefonnummer. So konnte der Taxifahrer zumindest eine Wegbeschreibung bekommen.
  • Ich hatte nur 30 L.E Bargeld mit - und meine nutzlose Kreditkarte (die, mit der ich kein Geld abheben kann, weil ich die PIN nicht habe... die andere hatte ich zu Hause liegen lassen).

Nachdem wir Barbara und ihren Serge am Hotel Pyramisa abgesetzt hatten, fuhren Fahrer Ahmed und ich zu meinem Hotel. Ich war der Annahme, es heiße President (weil der Mann am Telefon immer davon sprach). In Wahrheit wollte er uns nur mitteilen, dass das von uns gesuchte Hotel nur wenige Minuten vom Hotel President entfernt ist. Das hatten natürlich weder der Fahrer noch ich verstanden. Ich wurde also im Hotel President abgesetzt, verabschiedete mich von Ahmed und ging glücklich ins Hotel - nur um festzustellen, dass man dort meinen Namen nie gehört hat. Ob ich vielleicht im „New President“ untergebracht sei (nur eine Tür daneben). Mir fiel direkt ein Stein vom Herzen und ich schleppte Sack und Pack zum „New President“ - wo man mich auch nicht kannte.
Verzweifelt sprach ich mit vor Panik gebrochenem Englisch auf ihn ein. Wir hätten doch gerade eben telefoniert! Der Fahrer sei jetzt weg und ich wüsste nicht, wo ich sei. Ich zeigte dabei auf die Nummer auf meinem Handy. Der nette Mensch an der Rezeption klärte mich darüber auf, dass das nicht die Nummer dieses Hotels sei. Also rief ich nochmal an - um festzustellen, dass ich im falschen Hotel war. Ohne Geld, ohne Auto, in einem fremden Moloch... mir wurde ganz mulmig. Ich gab das Telefon an den netten Menschen, der mir eine Karte zeichnete und meinte, dass ich nur fünf Gehminuten von meinem Hotel entfernt sei. Irgendwie glaubte ich das nicht so ganz, machte mich aber dennoch mutig auf den Weg. Ich mit meinem Koffer, allein durch das Dunkel Kairos (zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich mich in einer besseren Gegend befand... in Gedanken stellte ich mich schon auf etwaige Straßenkämpfe ein). Nach ein paar Minuten sah der Straßenverlauf nicht mehr ganz so aus, wie eingezeichnet. Also bat ich einen Polizisten um Hilfe. Dann kam ich ins Zielgebiet, aber es waren keine Hausnummern an den Häusern. Erneutes Nachfragen half erheblich weiter und ich fand ca. 10 Minuten nachdem man mich am falschen Hotel abgesetzt hatte, das richtige. Ich wurde sehr freundlich begrüßt - und das Sandwich gegen den Hunger ging aufs Haus. Der Mann an der Rezeption war sehr nett. Allerdings offenbarte er mir, dass er mir kein Zimmer geben könne, weil ich meinen Reisepass nicht mithätte. Ich schaute ihn sehr erschrocken an und brabbelte nur noch was vor mich hin. Als er merkte, dass ich das jetzt wirklich sehr ernst nahm, klärte er mich darüber auf, dass er nur einen Scherz gemacht hätte und sagte mir, ich solle mich beruhigen. Komisch fand ich das nicht wirklich, aber erleichtert war ich ungemein. 


Der Workshop war interessant. Vor allem der Austausch mit anderen Lehrern aus Ägypten und dem Libanon. Allen ergeht es wie uns hier. Und selbst die von Deutschland gesendeten Lehrer haben bereits nach Tag drei darüber nachgedacht, wieder nach Hause zu gehen. 


Zamalek ich übrigens richtig toll. Dieser Stadtteil Kairos wirkt so normal, dass man dorthin immer wieder gerne geht! Und ich hab einen super Buchshop gefunden - allerdings kamen mir die Preise etwas teuer vor. Und ich war ja ohne Geld unterwegs, also hab ich nur geblättert. Und wenn ich dorthin nochmal gehe, dann natürlich nur ins Longchamps - nicht nur, weil man dort Deutsch spricht, sondern vor allem, weil Frau Hebba so nett zu mir war (und diese Werbung hat sie sich wirklich verdient!).