Dienstag, 1. September 2009

In den Straßen - der Müll von tausend Jahren

Langsam wird mir klar, warum Ägypterinnen oft Plateau-Absätze tragen. Nicht, weil sie klein sind - sondern, weil es sonst unmöglich ist, mit sauberen Füßen von einem Ort zum anderen zu kommen. Ich habe schon einen Lufa-Schwamm ruiniert, weil ich mir unter der Dusche meine Füße gewaschen habe. Dreck im Lufa-Schwamm lässt sich übrigens ganz schwer wieder auswaschen. *g*
Besonders gegen Abend ist das Schmutzproblem für Europäer sehr gewöhnungsbedürftig. Denn immer morgens wird der Müll abgeholt. In Eselskarren fährt Mann - in Cairo nennt man diese Leute (1) Zabalin (von zibala = Müll) - durch die Straßen, fegt Unrat zusammen und transportiert ihn ab. Und im Verlauf des Tages tun die Anwohner alles, damit sich diese Arbeit auch lohnt. Da aber abends die Leute ausgehen und saubere Bürgersteige haben möchten, wird der Dreck kräftig mit Wasser in die Gosse geschwemmt - und hier bilden sich Schlammlachen von beeindruckenden Ausmaßen und nicht weniger beeindruckenden Gerüchen. Man muss aber nicht unbedingt in einer verdreckten Straße sein, um seinen Teil von der „Kack-o-phonie“ mitzubekommen. Es kann schon passieren, dass einem der böige Meerwind eine müffelige Brise von straßaufwärts mitbringt.
Aber nicht nur Zabalin und arme Leute beschäftigen sich mit dem Müll. Auch unzählige Straßenkatzen. Immer wieder sieht man ganz niedliche Katzenjunge. Die älteren Tiere sehen meist schon etwas mitgenommen aus. Heute hab ich eine gesehen, der ein Auge fehlte. Erstaunlich ist bei der Fülle von Straßenmiezen, dass so wenig Roadkill auf den Straßen liegt. Aber vielleicht werden die auch am Morgen alle weggekehrt. Jedenfalls macht es auf den unwissenden Passanten den Eindruck, die Katzen kämen sehr gut mit dem hohen Verkehrsaufkommen zurecht und wüssten genau, wie sie sich bewegen müssen, um nicht unter die Räder zu geraten.
Kulturnotiz: Wirklich niemals Brot von der Straße kaufen! Okay, ich habe mich bereits bequatschen lassen und von einem Straßenhändler gekauft, weil Andrea meinte, sie mache das immer. Aber heute hab ich gesehen, dass es nicht nur unter hygienisch fragwürdigen Zuständen gefertigt wird - es fällt auch durchaus mal auf den Boden, wenn der Junge, der die Brote dekorativ auf der Auslage sortieren soll, vergisst einen der appetitlich aussehenden Fladen zu fangen. Natürlich stellt die Tatsache, dass Essen auf den Boden fällt, keinen Grund dar, selbiges zu entsorgen. Und wenn man - wie ich neulich - einen Battle-to-the-death beobachtet hat, den zwei Kakalaken gigantischen Ausmaßes (gut, eine könnte bereits tot gewesen sein und wurde von der anderen aufgefressen... so genau habe ich jetzt auch nicht nachgeschaut) auf dem Geheweg ausgetragen haben, dann kann einem schon mal der Hunger vergehen. Also merken: Was auf den ägyptischen Straßen liegt zu essen, das kommt Russisches-Roulett-Spielen gleich!
Kulturnotiz 2: Passfotos werden in Ägypten scheinbar retuschiert, auch wenn man es gar nicht möchte. Aber wenn man für umgerechnet rund drei Euro, fünf Jahre jünger aussieht, dann hat sich das Geschäft gelohnt. Unangenehm war nur, dass als kleines spassiges Extra ein Poser-Bild gemacht wurde (ich konnte abwinken, soviel ich wollte - ich musste!). Das Abbild meiner Person wurde dann digital vor einen Wüstenhintergrund gestellt. Jetzt bin ich im Besitz eines Fotos, auf dem ich - an einen alten schwarzen Stuhl gelehnt - in der Wüste stehe. Auch mal was anderes. Naja... für die Visa-Anträge sind die Passfotos „gschisse guut“, wie man in der Palz sagen würde. Habe ich schon den dekorativen Zierschnitt erwähnt? *g*

Quelle:
(1) Jordicke, D. et al. 2000. Kulturschock Ägypten. Reise Know-how Verlgag: Bielefeld.

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