Sonntag, 28. März 2010

Burning Man für Arme

Man nehme: 
- einen technisch "hochbegabten" Freund (THF)
- einen Gasherd
- mindestens 10 Zauber-Streichhölzer (die nur dann nicht zünden, wenn der THF sie in Händen hält)
- und eine Freundin, die unbedingt will, dass ihr THF den Backofen selbst anzünden lernt

Und so wird's gemacht:
1) Man schicke den THF in die Küche und sage: "Mach mal den Backofen an." Man achte dabei nicht auf eventuelle Proteste seinerseits wie "Ich kann das nicht!" und "Dann essen wir eben keine Brötchen." oder "Ich werde mich verletzen."
2) Nach immer entnervter klingenden "Der Ofen geht nicht an"-Rufen aus der Küche, geht man mal nach dem Rechten schauen.
3) Man demonstriert die Einfachheit des technischen Geräts, indem man den Ofen anzündet, dann ausmacht und nochmals auf die Öffnung zeigt, an die das Streichholz gehalten werden muss.
4) Wenn der THF sich weiter weigert, muss man darauf bestehen, dass er es dennoch selbst macht - schließlich muss man einen Ofen anzünden können (oder?).
5) Nachdem der THF es endlich geschafft hat, das zehnte Streichholz zu entflammen (die vorherigen erloschen durch ängstliches Zittern der Hand bereits auf dem Weg zum Ofen), fordere man ihn auf, das Streichholz an die Anzündestelle zu halten. Das technische "Fachwissen" des THF wird ihn automatisch dazu verleiten, den Arm viel zu weit in den Ofen zu halten. Dazu muss man wissen: Ein THF sieht besser als der Durchschnittsmensch. Und deswegen hat er natürlich - ungeachtet der ausführlichen Demonstrationen der Freundin - eine Anzündestelle weiter hinten im Ofen entdeckt und zum Anzünden für geeigneter befunden.
6) Der große Lacher ist übrigens für den THF weniger lustig (zumindest hat er weniger gelacht als ich): Sobald der THF seinen Arm mit dem brennenden Streichholz in den Gasherd steckt (aus dem inzwischen bereits viel zu lange Gas strömt - das Streichholz ging ja nicht früher an!), kommt ein kleiner Feuerball aus dem Ofen geschossen.

Und das haben wir gelernt:
1) Die Haare verbrennen, ehe man realisiert, was passiert ist.
2) ERST das Streichholz anzünden. Dann das BRENNENDE Streichholz ans Anzündeloch halten - und DANN erst das Gas andrehen.
3) Und: Wer Angst vor Gas & Feuer hat, bringt sich in Gefahr.
4) Naja... und vielleicht auch, dass man jemandem, der Angst vor Gas & Feuer hat, das Anzünden eines Gasofens doch nicht so einfach beibringen kann. Aber ich werde es weiter versuchen - mit längeren Streichhölzern. ;)

Gott sei Dank ist außer einem Schreck und einem sehr eingeschnappten THF nicht viel passiert. Der Ofen war übrigens nach der Aktion nicht an. Das blieb mir überlassen, denn der THF war nach diesem traumatischen Erlebnis zu keinen weiteren Versuchen mehr zu bewegen. Ach ja: Christian - mach doch für unsere Leser mal ein Bild von deinem haarlosen Arm. :)

Mittwoch, 17. März 2010

Krank, kränker, Andrea

Bevor ihr euch jetzt Sorgen macht: Ich bin wieder gesund. Aber kurzzeitig habe ich - dank ausgeprägten Hypochondertums - das Schlimmste befürchtet. Allerdings erst, nachdem der Arzt kam. Was war passiert?
Als wir von unserem Wochenendtrip nach Kairo zurückkamen, fühlte ich mich förmlich erkranken. Am Montag war's dann soweit. Diarrhöe! Schon wieder? Och nö! Allerdings war's dieses Mal bedenklich schlimm. Mit Brechreiz und Schwächegefühl und leicht erhöhter Temperatur. Da dachte ich mir: Heute quäle ich mich bestimmt nicht zur Schule - also habe ich gleich mal dort angerufen, um mein Nichterscheinen anzukündigen.
Problem war nur: Da ich nicht schon wieder einen Tag vom Gehalt abgezogen bekommen wollte (keine Angst: Ich werde mich noch gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit wehren!), musste möglichst bald eine Bescheinigung vom Arzt her. Aus dem Haus wollte ich aber in meinem Zustand auch nicht. Die Rettung aus dieser Zwickmühle: der house call. Man sagte mir, dass das German Hospital (das entgegen seines Namens nur eine arabische Website zu bieten hat) auch Hausbesuche mache. 
Als sich gegen Abend abzeichnete, dass ich mehr als einen Tag würde zu Hause bleiben müssen, sah mein Krämerherz keinen anderen Ausweg mehr: Chris musste den Arzt anrufen. Um 22.30 Uhr tauchten dann auch zwei Männer an unserer Tür auf. Einer war als Arzt verkleidet. Er war aber scheinbar nur ein Helfeshelfer, der den Koffer trug. Der richtige Arzt machte einen vertrauenswürdigen Eindruck und diagnostizierte Durchfall. Da war ja auch kaum eine Fehldiagnose möglich. Dann jedoch wurde es ernst. Er hielt eine Spritze mit schmerzlindernder Substanz für dringend notwendig. Und da ich ja nicht als Simulant gelten wollte, dachte ich mir: Ach... ne kleine Spritze wird schon keinen großen Schaden anrichten. Das war, ehe mir klar wurde, dass der Helfeshelfer (fortan: HH) die Spritze setzen würde. Dieser holte jedoch einen Einweghandschuh aus seinem Köfferchen, was mich ein wenig beruhigte. Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder dem Arzt. Ein schwerwiegender Fehler, denn als der HH den Gummihandschuh nicht etwa an der Hand trug, sondern um mein Handgelenk wickelte, um das Blut zu stauen, hätte ich mir schon gewünscht, ich hätte gesehen, ob die Nadel steril verpackt gewesen war. Panisch wurde mir bewusst, dass er vorhatte, mich in eine Vene meiner Hand zu stechen. Bei Spritzen bin ich eigentlich eher leidensfähig. Aber das war mir dann doch ein bisschen heikel. Doch wie gesagt: Was tut man nicht alles, um nicht als Simulant dazustehen und einen Krankenschein zu bekommen. Etwas mulmig wurde mir, als ich bemerkte, dass der Wattebausch, mit dem er die Einstichstelle abtupfte, gar nicht feucht von Desinfektionsmittel war. Ich wollte schon Einwände erheben, da begann der HH bereits mit dem Stechen. Er gab sich auch alle Mühe, die Vene sehr bald zu finden - und es tat auch nur ein wenig weh. Aber die Panik war groß. Zumal ich mit ansehen musste, wie er - gefühlt viel zu langsam - die Nadel tiefer und tiefer schob. Und als er die Flüssigkeit in mich spritzte, sah ich doch tatsächlich Luftbläschen. Es mag eine Einbildung gewesen sein, denn ich lebe ja noch. Wahrscheinlicher ist, dass mich nur das Adrenalin, das nach dieser Aktion durch meine Adern schoss, überhaupt am Leben erhalten hat. Jedenfalls dachte ich mehrere Minuten lang, ich müsse ganz sicher den Löffel abgeben. Wie man sieht: Es ist nicht passiert und ich denke wieder klarer. Und bei klarem Verstand kann ich nur sagen: Der Arztbesuch hat nicht geschadet, denn ich bin wieder gesund (was wohl auch ohne Arzt geschehen wäre). Und günstig war's: nur 210 L.E (rund 30 Euro). Meinen Krankenschein habe ich auch (obwohl ich noch nicht weiß, ob es der ist, den ich für meinen Arbeitgeber brauche - denn den Block mit Krankenscheinen hatte der Arzt im Krankenhaus vergessen). Und der Durchfall hatte auch was Gutes: Ich muss diese Woche nur zweimal zur Schule!  

Sonntag, 7. März 2010

Long time no see

Ich weiß, ich weiß - hab schon lange nichts mehr von mir hören lassen. Und ich bin mir meiner Nachlässigkeit bewusst. In dieser Woche habe ich mir vorgenommen, über alle Neuigkeiten hier zu schreiben.
Zwischenzeitlich habe ich jedoch eine wichtige Entdeckung gemacht, die überhaupt nichts mit Ägypten zu tun hat. Habt ihr gewusst, dass es im iTunes-Store eine Sektion gibt, die sich iTunes U nennt? Nein? Dann schaut unbedingt mal rein. Hier kann man kostenlos (!) alles mögliche herunterladen.
Ich ziehe mir gerade Arabisch for Beginners, French for Beginners, Russian for Beginners und alle Englisch-Kurse herunter. Aber es gibt nicht nur Sprachkurse, sondern auch Literaturbeiträge (unter anderem einen Kurs für Englische Literatur, Kreatives Schreiben usw.). Bis zur Mathematik-Abteilung bin ich noch überhaupt nicht vorgedrungen. Ladet runter Leute, ehe die auf die Idee kommen, was dafür zu verlangen. Habe bisher nur in Arabisch reingehört - und das scheint mir von guter Qualität zu sein. Aber macht euch selbst ein Bild. Viel Spaß beim Stöbern und Downloaden. :)

Montag, 22. Februar 2010

Zurück im Land der Müll-Pyramiden

Zur Beruhigung meiner spärlichen Leserschar: Ich bin wieder da. Und habe auf meiner 16-stündigen Reise auch gleich ein neues Fortbewegungsmittel entdeckt: den Super-Jet, der direkt zwischen Kairo und Alexandria verkehrt. 
Er stinkt zwar etwas nach Toilette - aber hey: immerhin gibt es ein Klo. Und auch die Musik ist ein wenig laut - dafür aber wenigstens Arabisch. ;) Gut am Super-Jet ist jedoch der Preis: Für schlappe 27 Pfund kommt man damit an die Mittelmeerstadt. In der es übrigens letzte Woche eine nie da gewesene Hitzewelle gab. Während unseres Deutschlandurlaubs war es doch glatt mehr als 30 Grad warm! Natürlich wettert es pünktlich zu meiner Rückkehr wieder ganz normal. Die Badeklamotten bleiben darum vorerst im Schrank.
In der Schule ist ebenfalls alles beim Alten. Schon am ersten Tag: Stimme weg (wusste gar nicht, dass das so schnell gehen kann). Ich hab mir darum eine Schülerin geschnappt, die den anderen Schüler in ihrer lautesten Stimme sagen musste, dass ich sie jetzt anschreien würde - wenn ich nur könnte. Dabei hab ich ermahnend in die Menge geschaut und meinen bösen Lehrer-Blick geübt. :)
Und heute habe ich meinen liebsten Störenfrieden erläutert, dass sie froh sein dürfen, dass Schlagen in der Schule nicht erlaubt sei (natürlich in freundschaftlichem Ton *g*). Mit anderen Worten: Ich kämpfe mich mehr schlecht als recht vorbereitet durch den mörderischen Schulalltag. Aber die Kids sind trotz ihrer kleinen Widerlichkeiten immer noch sehr herzig und versuchen zumindest ihr Bestes zu geben. Und das ist doch auch schon was (rede ich mir täglich ein). Ach ja: Zwei Wochen reichen übrigens dicke aus, um die Hälfte der Kindernamen wieder zu vergessen. 

Dienstag, 2. Februar 2010

When a man drives a woman...

Die Taxifahrer werden auch immer dreister. Gestern bin ich zu einem eingestiegen, der mir dann zu verstehen gab, er wolle 5 L.E. für die Strecke zur Arbeit. Ich dachte mir: "Lass ihn mal reden und gib ihm dann 2 L.E." Genau das, was ich jeden Morgen bezahle. Aber dann schwante mir, dass der Typ bestimmt Stress machen würde, weil ich ja zugestimmt hätte. Also hakte ich nach: "Bikäm?" - Er: "5 Pound!" - Ich: "La'a! Ala gamba lohsamaht!" Nach etwa 50 Meter Fahrtweg bin ich also wieder aus dem Taxi ausgestiegen. Und dafür wollte der dann auch noch 1 Pfund. Ich hab ihm 50 Piaster in die gierigen Hände gedrückt, gesagt "Ya saläm, that's enough!" - und bin wütend ausgestiegen. Den Weg zur Schule hab ich danach im preistechnisch unkomplizierten Maschrua zurückgelegt. In den Minibussen sind die Preise für alle gleich. Als ich Dina von dieser Unverschämtheit erzählte, sagte sie mir, dass man üblicherweise alleine fürs Einsteigen in ein Taxi 60 Piaster zahle. :)
Am nächsten Tag, also heute, wurde es noch seltsamer: Ich stieg in ein Taxi ein. Und normalerweise verhandeln die Fahrer überhaupt nicht. Doch auch heute wollte der Fahrer direkt den Preis ausmachen. Er fragte, wie viel ich zahlen wolle. Ich hielt zwei Finger hoch. Er: "Twenty pounds?" - Ich: "No, two!" Da hat er den Kopf geschüttelt, ich hab wieder mein "Ya saläm!" gezischt (was soviel heißt wie "Gütiger Himmel, bist du ein Halsabschneider!") und bin ausgestiegen.
Glücklicherweise kamen im nächsten Taxi zwei Kolleginnen von mir angebraust. Der Taxifahrer hat auch gleich angehalten - ich bin vorne eingestiegen, hab "Hallo!" zu den Französischlehrerinnen gesagt, dreh mich zum Taxifahrer, um "Guten Morgen" zu sagen. Und wer sitzt da? Mein Wasser-Mohammed, der mir die Warmwasserleitung zur Küche gelegt hat. Dabei hat er die gesamte Wohnung mit seiner Hilti so zugestaubt, dass Nagwa einen halben Tag brauchte, nur um die Küche wieder begehbar zu machen. Und nach drei Besuchen hat er es immer noch nicht geschafft, das tropfende Rohr im Bad trockenzulegen. War irgendwie eine seltsame Situation. Natürlich weiß ich, dass hier viele mehrere Jobs haben, um über die Runden zu kommen. Aber Mohammed ist irgendwie seltsam. Er nimmt kein Geld von mir an. Für das Bad wollte ich ihm Trinkgeld geben. Er wollte es nicht. Auch das Geld für die Taxifahrt wollte er nicht. Und zu den verabredeten Tagen kommt er nie, sondern meist ungefähr eine Woche später als vereinbart. Seine Kleidung wurde auch zunehmend besser, wenn ich es mir jetzt so überlege. Jedenfalls hab ich beschlossen, dass ich mir - falls das Bad schlimmer wird - wohl einen anderen Wassermann suchen muss. Nicht, dass Mohammed noch denkt, ich wäre an ihm interessiert. Obwohl er ganz nett und höflich ist. :) Aber nicht, dass er sich falsche Hoffnungen macht. Zumal ich ja auch immer die Wohnungstür geschlossen habe, was man bei Handwerkern in Ägypten nicht macht. Denn das sind ja alles Verbrecher, da muss man im Notfall schnell flüchten können. Irgendwie verstehe ich diese ganzen Vorurteile gegenüber anderen Gesellschaftsschichten nicht. Aber vielleicht unterschätze ich auch den Reiz von Wohlstand und die Not der Menschen. Man muss der Wahrheit ins Gesicht sehen. Mit weniger als 900 Euro Gehalt gehört man hier zu der unteren Oberschicht. Hab ich schon erwähnt, dass das gesetzliche Grundgehalt für Arbeiter bei 35 L.E pro Monat liegt? Das sind nicht mal 50 Cent!


Naja... Das Gute ist: Freitagmorgen flieg ich nach Deutschland. Dann kann mich das Pharaonenland für zwei Wochen mal gern haben. Vielleicht sind bis dann die Taxifahrer auch wieder zur Vernunft gekommen. Sonst muss ich wohl bald nicht nur das Zehn-, sondern das Hundertfache vom üblichen Fahrtpreis für den Weg zur Arbeit blechen.