Montag, 5. Oktober 2009

Den letzten fressen die Kinder!

Selbst die Schweinegrippe konnte ihn nicht verhindern: den ersten Schultag. In Ägypten sieht der - wie man sich denken kann - etwas anders aus als in Deutschland. Ich wurde gewarnt. Aber wie immer hat mich die Realität trotz aller Warnungen eiskalt erwischt.


Ein kurzer Abriss der Ereignisse:


6 Uhr. Der Wecker reißt mich aus dem unruhigen Schlaf. Das nächtliche Gehupe weckt die niedersten Instinkte in mir. Ich möchte mich bewaffnen und jedem einzelnen Störenfried den Garaus machen - nur wer einmal Alex bei Nacht erlebt hat, wird diese Aggression verstehen!


6.25 Uhr. Frisch geduscht frühstücke ich erst einmal und bereite mich mental auf den ersten Schultag vor. Zugegeben, etwas nervös bin ich schon. Fünf Stunden vor einer fast 30 Kinder starken Klasse können selbst den Toughsten nachdenklich machen. Nachdenklich kaue ich also vor mich hin...


7.29 Uhr. Pünktlich wie eine Schweizer Uhr trage ich mich in die Anwesenheitsliste ein und hetze ins Lehrerzimmer. Erster Schock: Ich habe die Arbeitsblätter nicht kopiert (wie konnte ich nur denken, ich hätte dafür noch vor Schulbeginn Zeit? Es ist mir ein Rätsel). Dina rettet mich und läuft zum Kopierraum.
Da ich die erste Stunde habe, muss ich die Kinder vom Schulhof ins Klassenzimmer führen. Ich weiß nur eins: Meine Klasse heißt Junior 4 Violet (jaaaaa... alle Klassen haben Blumennamen).


7.35 Uhr. Ich stehe kurzsichtig auf dem Schulhof herum, wage mich letztlich zaghaft vor die Schüler, um den Klassenlisten zu entnehmen, welche Kinder zu mir gehören. Um diesen Satz zu verstehen, braucht man natürlich Hintergrundwissen. Morgens um 7.30 Uhr stellen sich alle Kinder (also knapp 1.000 - momentan sind aber noch nicht alle Kinder in der Schule!) zum Fahnengruß in Zweierreihen hinter ein Schild, auf dem der Name ihrer Klasse steht. 


7.40 Uhr. Langsam dämmert mir, dass auf der Hofseite, die ich inspiziere, nur die dritten Klassen stehen. Etwas verwirrt schaue ich mich um - und bemerke erst jetzt, dass unser Schulleiter Mr. Nabil eine Ansprache hält und ich (anstatt brav bei den übrigen Lehrern zu stehen) deutlich verwirrt in jenem Kreis herumrenne, der sich ehrfürchtig um ihn gebildet hat. Eilig stelle ich mich zur Lehrerschar und entdecke dabei auf der anderen Seite des Schulhofs weitere Klassen. Während Mr. Nabil auf Arabisch spricht, versuche ich mit zusammengekniffenen Augen zu erkennen, welche der gemalten Blumen ein Veilchen darstellen soll. 


7.45 Uhr. Man klärt mich auf, dass Mr. Nabil über die Schweinegrippe informiert und Lehrern sowie Schülern das richtige Verhalten in Zeiten der von Allah geschickten Pandemie nahelegt. Meine Kollegin Heba (sie unterrichtet Englisch) zeigt mir währenddessen die Violet-Klasse. Ich schleiche mich unauffällig davon und stelle mich hinter meine Klasse. Dass es sich dabei wahrscheinlich nicht um die nächsten Einsteins handelt, wird schnell klar, als drei von ihnen beim In-Reihen-Aufstellen über ihre Schultaschen stolpern, hinfallen und fast die restliche Klasse mitreißen. Dennoch: Ihre Tolpatschigkeit rührt mich.  


7.50 Uhr. Eigentlich hätte der Unterricht schon längst beginnen sollen. Wir stehen immer noch auf dem Schulhof. Einer der Schüler steht in der Mitte und schreit Sätze ins Mikrofon. Die restlichen Schüler schreien nach. Dann spielt man endlich die Nationalhymne - in bester Grammophon-Qualität. Die Kinder singen lauthals mit. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.


7.53 Uhr. Ich stehe am falschen Ende meiner Reihe. Die Fluraufsicht scheucht mich nach vorne. Zu den Klängen von Celine Dions „My heart will go on“ (jaaaa - das läuft jeden Morgen, direkt nach der Hymne *g*), gefilmt vom schuleigenen Kameramann marschiere ich mit meiner Klasse hinter den anderen her ins Treppenhaus. Mit Schrecken bemerke ich, dass das Treppenhaus an dieser Gebäudeseite keine Stockwerk-Schilder hat und ich vergessen habe mitzuzählen. Bedauerlicher Weise bin ich hinter einer 5. Klasse hergelaufen, die ihren Raum ein Stockwerk höher hat als der, in den ich sollte. Mit Anhang musste ich also zurück marschieren. Immerhin: Die Kinder haben sofort verstanden, dass wir wieder runter müssen. :-)


8.00 - 9.10 Uhr. Der Unterricht beginnt. Meine erste Doppelstunde. Vorstellungsrunde (Mein Name ist Frau Andrea. Wer bist du! usw.). Schreck: Die Kinder können sich schon vorstellen und bis 20 zählen - das war der Unterrichtsgegenstand der ersten zwei bis drei Stunden (laut Lehrbuch)! In meiner Verzweiflung habe ich deshalb schon nach 10 Minuten das Arbeitsblatt ausgeteilt. Jetzt zeigten die Kinder erste Überraschung. Ich höre Zwischenrufe à la: Heute gibt‘s schon Arbeit?
Der Lärmpegel in der Klasse nähert sich dem kritischen Level. Ich stehe ruhig vor der Klasse, warte bis Stille einkehrt und versuche mich darauf zu konzentrieren in der Wartezeit Autorität auszustrahlen - mit zweifelhaftem Erfolg. Immerhin: Für ca. 5 Minuten habe ich ihre Aufmerksamkeit. 
Ich lese die Übung vor und lasse wiederholen. Nachsprechen können die Kids nicht schlecht. Leider verstehen sie nicht, was sie sprechen. Beinahe so, als würde man einem gelehrigen Papagei Deutsch beibringen. Immer wieder muss ich auf Englisch erklären. Dabei bemerke ich, dass mein Englisch gar nicht mal so gut ist. In peinlichstem Denglisch rette ich mich über die Runden. 
Schon bald stellt sich heraus, dass mein Arbeitsblatt viel zu leicht ist. In einem Verzweiflungsakt entschließe ich mich für ein nicht geplantes Gruppenspiel. Großer Fehler. Der Lärm nimmt kein Ende. Nachdem jeder ungefähr verstanden hat, was er tun soll, geht es los: Jede Gruppe sammelt so viele deutsche Jungen- und Mädchennamen wie möglich. Wer die meisten hat gewinnt. Namen, die bereits auf dem Arbeitsblatt stehen, sind nicht erlaubt. Einigen sehe ich im Gesicht an, dass sie immer noch nicht verstanden haben, was sie tun sollen. Andere schreiben irgendwelche Namen auf. Ich sage ihnen, dass die Namen deutsch sein müssen. Sie schauen mir an, als käme ich vom Mond. Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist, dass etwa die Hälfte der Klasse trotz aller Widrigkeiten ungefähr weiß, worum es geht. Eifrig sammeln sie Namen. Einer der Jungen fragt mich, ob Ballak ein deutscher Name sei. Ich frage ihn, wie denn Ballack mit Vornamen heißt. Seine Augen leuchten - er schreibt enthusiastisch „Mickle“ auf sein Blatt (ganz falsch ist das ja nicht *g*). 
Die Gruppenarbeit war von Beginn zum Scheitern verurteilt. Meine Regeln waren unklar. Die Kinder waren fassungslos, dass ich Namen, die bereits auf dem Arbeitsblatt standen, nicht habe gelten lassen. Die Empörung war grenzenlos, als ich sagte, dass Namen, die jede Gruppe hat, nur die Hälfte zählten (okay, das hätte ich vorher vielleicht schon sagen sollen - aber zu meiner Verteidigung: Das andere hatte ich gesagt *g*). Team A, das zu Beginn in Führung lag, hat aufgrund des komplexen Regelwerks am Ende doch nicht gewonnen. Karim (Team A) rüttelte aufgeregt an seiner Bank, um auf diese maßlose Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Die anderen standen ihm "Why? Why?" schreiend zur Seite.
Eins ist klar: Meine erste Doppelstunde habe ich versemmelt. Ich habe im Chaos sogar vergessen, den Kindern zu sagen, welche Hefte sie zur nächsten Stunde mitbringen müssen. Naja... das nächste Mal wird's besser. Dann steht als TOP 1 an: Es wird umgesetzt, damit die Ruhigen neben den Lauten sitzen.
Ach ja: Aufgrund der Schweinegrippe müssen natürlich Türen und Fenster offen bleiben - und die Ventilatoren ausgeschaltet. Es ist somit noch lauter und heißer, als es ohnehin schon wäre.


9.10 - 9.38 Uhr. Ich rette mich ins Lehrerzimmer und verdaue meine Niederlage. Langsam erinnere ich mich wieder daran, warum ich nie Lehrer werden wollte. Ich suche Trost bei Barbara und Dina.


9.40 - 11.10 Uhr. Auf ins Gefecht! Nächste Doppelstunde. Ich bin wild entschlossen, die Fehler der ersten Stunde nicht zu wiederholen. Es klappt schon besser. Dennoch: Wie zuvor sind die Kinder sehr laut. Als ich zum Vorstellen den Ball auspacke, sind sie wie kleine Hunde ganz aufs Bällchen fixiert. Ich: „Mein Name ist Frau Andrea. Wer bist du?“. Der Ball schafft es nicht immer zur Person, die ich anschaue, weil er vorher von einem fußballbegeisterten Schüler per Hechtsprung abgefangen wird. Die Mädchen sind erstaunlich untalentiert im Fangen. Mir kommen erste Zweifel, ob das eine gute Idee war. Doch wenn der Ball einmal im Spiel ist, muss er auch bei jedem einmal gewesen sein, sonst droht Meuterei.
Wir buchstabieren die Namen der Kinder auf Deutsch. Sie können das Wort „Ypsilon“ nicht aussprechen. Mehrmals muss ich mit ernster Miene vorne stehen und warten, bis Ruhe einkehrt. Immerhin: Die Kinder wollen mitmachen. Bis auf ein paar in den letzten Reihen. Aber die werden das nächste Mal umgesetzt. Ich denke sogar daran, den Kindern zu sagen, was sie zum nächsten Mal mitbringen müssen - und dass bei mir kein Arabisch erlaubt ist. Hausaufgaben hab ich auch aufgegeben (okay, das war vielleicht etwas überreagiert *g*). 
Die Fluraufsicht betritt den Raum und klärt mich darüber auf, dass ich Pausenaufsicht habe. In Zweierreihen gehen wir - einigermaßen geordnet - nach unten. 
Einer der Schüler von der Violet-Gruppe bietet mir ein Chips an. Ein Bestechungsversuch?


11.35 Uhr. Freistunde! Ich entspanne beim Krisengespräch mit Dina, Miriam und Barbara, die mir mit hilfreichen Tipps zur Seite stehen.


12.20 - 13.10 Uhr. WAS? Freistunde schon um? Ich hetze zur nächsten Klasse. Dieses Mal verstärkt durch Miriam, die hospitieren will. Ich versuche schon vorab meine schwache performance zu entschuldigen. Zaghaft optimistisch gehe ich in die Junior 5 Tulip/Rose. Die Klassen unterrichte ich zusammen mit Dina. Sie hat die A-, ich die B-Gruppe. 
Als wir am Klassenraum ankommen, ist die Französischlehrerin noch im Raum. Kaum trete ich ein, redet sie auf Französisch auf mich ein. Ich verstehe nicht wirklich viel. Den Sinn der Worte bekomme ich jedoch mit: Die Kinder sind schrecklich, ich muss mich in acht nehmen. Sie zeigt auf einige Übeltäter in den letzten Reihen. Sofort setze meine strenge, hoffentlich bedrohlich wirkende Miene auf. Gerade will ich ansetzen, die Gruppe zu teilen, als Mahmoud (der Sportlehrer) mit der Französischlehrerin reinkommt. Ehrfürchtige Stille. Mahmoud spricht leise - er erhebt nur einmal seine Stimme. Mir ist klar: Irgendwas Schlimmes ist als Strafe über die Kinder hereingebrochen. Ich vermute, einige dürfen nicht am Sportunterricht teilnehmen (die fürchterlichste Disziplinarmaßnahme, wie man mir sagte). Nach diesem Zwischenspiel sind sie handzahm. Dennoch: Nach dem Teilen der Gruppe setze ich präventiv gleich mal Mädchen neben Jungen und die Störenfriede nach vorne. Es scheint zu wirken. Alle sind viel leiser. Ich denglische vor mich hin. Die Kinder scheinen zu verstehen. Ich wage erste Versuche, nur auf Deutsch zu erklären. Schwierig. Immerhin: Ein paar verstehen mich und dürfen den anderen auf Englisch vermitteln, was ich gesagt habe. Die Einzelstunde ist sehr schnell vorüber. Die Kinder wissen, was sie zum Unterricht mitbringen müssen - ob sie es tatsächlich zur nächsten Stunde dabei haben bleibt abzuwarten. Scheinbar verstehen die Kinder nicht, dass ein Umschlag aus Plastik etwas anderes ist, als ein Heftordner. Immer wieder die Frage, ob man statt des Ordners auch die Portfolios verwenden darf. Nein! In Deutschland wird gelocht. Hier wird deshalb auch gelocht. Wir machen es "the German way". 


13.10 - 13.50 Uhr. Freistunde. Ich fühle mich wie erschlagen. 


13.50 - 14.20 Uhr. Ich hospitiere bei Heba. Ihre Kinder spielen kleine Theaterstücke. Die Kids sind ruhiger, aber auch nicht ganz leise. Erste Hoffnung macht sich breit, dass ich nicht völlig inkompetent bin. Heba brüllt auch hin und wieder. Ich bin beruhigt. Dennoch: Irgendwie muss das doch auch ohne großes Schreien gehen. 
Ein alter Herr (Arabischlehrer?) betritt den Raum und erklärt den Sinn der Präventionspakete (Inhalt: Desinfektionsmittel, feuchte Tücher, Schutzmaske, Seife). Erstaunlicher Weise sind die Kinder wie bei Mahmoud ziemlich still und aufmerksam. Ich bin wild entschlossen, die Kinder soweit zu bringen, dass sie bei mir genauso bin. Die Hoffnung stirbt zuletzt!


Mit geschundener Stimme, etwas zerknirscht, aber mit ungebrochenem Willen mache ich mich in Miriams Begleitung auf dem Heimweg. Wir tauschen Gefechtsstrategien aus. Ob sie was bringen, werden erst die nächsten Stunden zeigen. Abends rufe ich noch Sally an, um ihr die Ereignisse des ersten Unterrichtstages zu schildern. Und Mahmoud ruft an, um nachzufragen, ob ich sauer gewesen sei heute. Ich hätte so angry ausgesehen. Ich erkläre ihm, dass das mein strenges Gesicht gewesen sei. Aus unverständlichen Gründen lacht er. Ich muss unbedingt noch herausfinden, was er zur Klasse gesagt hat. Dann werde ich den Wortlaut memorieren. :-)


Gott sei Dank ist morgen frei. Nationalfeiertag. Den brauche ich auch, um den Praxis-Schock zu verdauen. Lehrer der Welt: GEBT MIR TIPPS! Jeder, wirklich jeder Tipp wird dankbar angenommen.

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